Harzer Sage · Sankt Andreasberg
Der Bergmönch
Der riesige Geist mit der Grubenlampe, der zwei Bergleuten half.
Teil 1
Die Sage, wie sie überliefert ist
Nach Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 3 (1816)
Die Brüder Grimm überschreiben die Sage „Der Berg-Mönch im Harz“, im Text selbst heißt er nur der Berggeist. Als Quelle nennen sie „Mündlich, am Harz“. Einen Ort nennen sie nicht.
Zwei Bergleute arbeiteten immer zusammen. Als sie einmal eingefahren waren, sahen sie, dass das Öl auf ihren Lampen nicht für die ganze Schicht reichte. Ging es aus, mussten sie im Dunkeln hinauffahren, und der Schacht war ohnehin gefährlich. Fuhren sie aber gleich hinauf, um Öl zu holen, würde der Steiger sie bestrafen, und zwar gern, denn er war ihnen nicht gut.
Wie sie so besorgt dastanden, kam ihnen weit hinten im Gang ein Licht entgegen. Zuerst freuten sie sich, doch dann erschraken sie gewaltig: Ein riesengroßer Mann kam ganz gebückt den Gang herauf. Er hatte eine große Kappe auf, war auch sonst wie ein Mönch gekleidet und trug ein mächtiges Grubenlicht in der Hand. Vor den beiden richtete er sich auf und sprach: „Fürchtet euch nicht, ich will euch nichts Böses tun, sondern Gutes.“ Er goss Öl aus seiner Lampe auf ihre Lampen, nahm ihr Werkzeug und arbeitete in einer Stunde mehr, als sie in einer ganzen Woche geschafft hätten.
„Sagt keinem Menschen je, dass ihr mich gesehen habt“, sprach er und schlug zuletzt mit der Faust links an die Seitenwand. Sie tat sich auf, und dahinter lag ein langer Gang, der ganz von Gold und Silber schimmerte. Der Glanz blendete die beiden, und sie wandten sich ab. Als sie wieder hinsahen, war alles verschwunden. Hätten sie ein Werkzeug hineingeworfen, wäre der Gang offen geblieben, schreiben die Grimms.
Das Öl des Berggeistes aber nahm nicht ab. Nach Jahren erzählten sie an einem Sonnabend im Wirtshaus ihren Freunden die ganze Geschichte. Am Montagmorgen war kein Öl mehr auf der Lampe, und sie mussten wieder nachfüllen wie alle anderen.
Teil 2
Unsere Kurzgeschichte
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage
Gegen Mittag war es tief unter Sankt Andreasberg, in der Grube Samson, so warm, dass Anton der Schweiß in die Augen lief. Die Flamme in seiner Lampe war nur noch ein roter Punkt. Am Morgen hatte der Steiger, ihr Aufseher, ihm und Matthes nur einen halben Löffel Öl gegeben und leise gesagt: „Wer zweimal zu früh hinauffährt, fährt nie wieder ein.“ Im Dunkeln aber kam keiner die Fahrkunst mit ihren Trittbrettern hinauf, und dabei wollten die beiden nur eins: heil nach Hause zu ihren Familien.
Da kam ihnen tief im Berg ein Licht entgegen, und schwere Schritte ließen den Boden zittern. Ein Riese mit tiefer Kapuze hielt eine große Messinglampe hoch und brummte: „Glück auf! Fürchtet euch nicht, ich bin der Bergmönch, und ich bring Licht rein.“ Er goss Öl in ihre Lampen, das nach Honig und Bienenwachs roch, und hackte in einer Stunde mehr Silbererz als sie in einer Woche. Dann sagte der Bergmönch ernst: „Sagt keinem Menschen, dass ihr mich gesehen habt.“ Er schlug einmal mit der Faust an die Seitenwand, und dahinter schimmerte ein langer Gang voll Gold und Silber, so hell, dass die beiden sich abwandten. Als sie wieder hinsahen, war alles fort.
Der habgierige Steiger hatte gelauscht und wollte das Gold für sich. Doch Matthes, der sonst alles erzählte, sagte kein Wort, und als dem Steiger vor der Wand das Öl ausging, führten ihn die beiden hinaus. Die Grube Samson in Sankt Andreasberg könnt ihr heute mit einer Führung besuchen.
Teil 3
Unsere Langgeschichte zum Anhören
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage
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- Erstes Kapitel: Ein halber Löffel Öl.
- An einem Sonnabend im Spätherbst, als die Sterne noch über Sankt Andreasberg standen und der Raureif auf dem Pflaster knirschte, stieg Anton zur Grube Samson hinauf. Beide Hände hatte er um seinen Frosch gelegt, die kleine Grubenlampe, die an diesem Morgen das einzig Warme weit und breit war.
- Anton war ein großer, gründlicher Mann, einer von jenen, die jeden Morgen alles zweimal prüfen: die Lampe, die Stiefel, den Himmel. Der Himmel hatte heute keine Einwände.
- An der nächsten Ecke klapperten Schritte, und Anton musste sich gar nicht erst umdrehen. So eilig lief in ganz Sankt Andreasberg nur einer, der ständig etwas Wichtiges zu erzählen hatte: Matthes, kleiner und flinker als er, und mit dem Mund meistens noch ein gutes Stück schneller als mit dem Kopf.
- Schon von Weitem rief Matthes, so schnell, dass sein Atem Wolke um Wolke machte: „Anton, ich weiß ein Geheimnis! Der Hund vom Bäcker hat die Sahnetorte aufgeleckt, bis auf die Kirsche. Aber das darf ich keinem erzählen.“
- Anton antwortete ruhig: „Jetzt hast du es mir erzählt.“
- Matthes blieb stehen und dachte darüber nach, was bei ihm selten vorkam. Dann strahlte er: „Du bist ja keiner. Du bist Anton.“
- Seit zwölf Jahren arbeiteten die beiden zusammen, und ebenso lange warteten abends die fünf Kinder von Matthes am Gartentor auf eine Geschichte aus dem Berg. Die Hälfte davon war sogar wahr. Anton hatte den Kindern einmal erklärt, dass Bergleute nicht einfach hinunter- und hinauffuhren, sondern einfuhren und ausfuhren, und die Jüngste mit der Zahnlücke hatte daraufhin wissen wollen, ob man im Berg auch wohnen könne. Seitdem erzählte Matthes jeden zweiten Abend von einem Bäcker tief im Fels, der Brötchen aus Steinmehl backte.
- Oben am Schacht blieb Anton stehen und sah zurück zur Stadt, wo hinter einem dunklen Fenster seine Frau und seine Tochter noch schliefen. Dann sagte er ernst, mehr zu sich selbst als zu Matthes: „Heil runter, heil rauf. Mehr will ich nicht.“
- Im Zechenhaus über dem Schacht, wo am Ofen nasse Socken dampften und es nach Rüböl und Brotzeit roch, wartete Anton mit den anderen auf sein Öl, und die Bergleute grüßten einander, wie sie es jeden Morgen taten.
- Grüßt mit ihnen, laut und fröhlich: Glück auf!
- Dann wurde es leiser, Stimme um Stimme, bis im Zechenhaus jene Art von Stille herrschte, in der man das Holz im Ofen knacken hörte, und Anton musste sich gar nicht erst umdrehen. Es gab in ganz Sankt Andreasberg nur einen Menschen, der ein Zechenhaus voller Bergleute schneller zum Schweigen brachte als ein Donnerschlag: den Steiger, ihren Aufseher. Glück auf sagte er nie, denn dann hätte er ja Glück verschenken müssen. Verschenkt hatte der Steiger zuletzt als kleiner Junge etwas, einen Schnupfen, und auch den nur aus Versehen.
- Matthes beugte sich zu Anton herüber, so weit, dass sein Atem nach Zwiebelbrot roch, und flüsterte: „Wetten, dass er heute die Tropfen laut mitzählt?“
- „Pst“, machte Anton.
- Matthes hob beide Hände, so unschuldig, wie nur Matthes unschuldig aussehen konnte, also überhaupt nicht. „Ich sag ja nichts.“
- Zuerst hörte Anton nur das feine Klirren einer Kette, an der ein kleiner Messinglöffel baumelte. Dann schob sich der Steiger zwischen den Bänken hindurch, den Kopf schief gelegt, als horche er an jeder Wand nach einem Tropfen, der ihm entwischen wollte, während sein Blick über die Frösche an den Haken glitt. Das Messingschild an seiner schwarzen Lederkappe polierte er jeden Morgen mit Spucke, denn Spucke kostete nichts. Hinter seinem Rücken hieß er bei den Hauern nur der Löffelgeier, und keiner wusste mehr, wer damit angefangen hatte. Anton hatte allerdings einen Verdacht, und der saß gerade neben ihm und kaute auf einem Zwiebelbrot.
- Vor jedem Bergmann blieb der Steiger stehen, tauchte den Löffel in die Ölkanne an seinem Gürtel und goss ihn in dessen Frosch, die kleine, geduckte Grubenlampe, ohne die kein Bergmann einfuhr. Dabei sprach er leise und gedehnt, als messe er jedes Wort ab wie sein Öl: „Ein Löffel für jeden. Und keinen Tropfen mehr.“
- Geiz und Vergnügen lagen in seiner Stimme so dicht beieinander, dass Anton nicht hätte sagen können, was davon überwog. Er wusste ohnehin, was sich der Steiger in Wahrheit wünschte: dass man sich im ganzen Harz Geschichten von ihm erzählte, große Geschichten, mit ihm als Held. Bisher erzählte man sich nur eine, nämlich dass er abends im Dunkeln aß, um Öl zu sparen. Angefangen hatte damit, wie mit den meisten Geschichten in Sankt Andreasberg, Matthes.
- Bei Anton und Matthes tauchte der Steiger den Löffel nur zur Hälfte ein und ließ ihn so lange abtropfen, dass Anton im Stillen mitzählte. Sieben Herzschläge. Was danach noch in ihre Frösche floss, reichte gerade für ein Hungerlicht, wie die alten Hauer sagten: eine Flamme, so klein und blau, dass sie vor Kälte zu zittern schien. Das war zu viel für Matthes, der schon Geheimnisse nicht für sich behalten konnte und Ungerechtigkeit erst recht nicht. Empört holte er Luft und rief so laut in die Stille, dass alle zusammenzuckten: „Ich sag ja nichts, aber damit kann man nicht einmal eine Suppe salzen!“
- Einen Augenblick lang rührte sich im Zechenhaus niemand. Na prima, dachte Anton, und irgendwo tief in seinem Bauch begann eine kleine, kalte Sorge, sich häuslich einzurichten. Dann zog der Steiger eine Augenbraue hoch, ganz langsam, und kippte den Löffel, bis ein einzelner Tropfen zurück in die Kanne fiel. Den kläglichen Rest goss er in den Frosch von Matthes, und seine Stimme wurde noch leiser: „Dann eben noch weniger. Wer vor dem Schichtende ausfährt, dem ziehe ich den Wochenlohn ab. Wer es zweimal tut, fährt nie wieder ein. Der lädt seine Betten auf den Handwagen und zieht fort, mit Frau und Kindern.“
- Anton hörte genau, wie gern der Steiger diesen Satz sagte; er schmeckte ihn wie andere Leute ein Stück Kuchen. Ein kalter Stein lag plötzlich in Antons Bauch. Schon sah er das klapprige Gefährt über das Pflaster rattern, hoch beladen mit den Betten, und ganz obendrauf saß seine Tochter und winkte ihren Freundinnen, bis Sankt Andreasberg hinter dem Berg verschwand. Mitten in der Wärme des Zechenhauses fror er.
- Mit steifen Fingern trat Anton an der Hängebank, dem Rand des Schachts, auf die Fahrkunst. Sie war eine jener Erfindungen, auf die man in Sankt Andreasberg mächtig stolz war: zwei lange Drahtseile, die nebeneinander in die Tiefe liefen und im Wechsel auf und ab fuhren. An jedem hing ein Trittbrett über dem anderen, und die Seile ächzten unter jedem Schritt. Sein Vater hatte ihm am ersten Tag erklärt, wie es ging: auf ein Brett stellen, ein Stück mit hinabfahren und im richtigen Augenblick hinüber auf das andere Seil steigen, immer im Takt, dreihundert Lachter tief. Ein Lachter war die Spanne von einer Fingerspitze zur anderen, wenn ein Mann beide Arme ausbreitete, und Anton hatte als Junge einmal versucht, sich dreihundert davon übereinander vorzustellen. Danach hatte er drei Nächte schlecht geschlafen. Wer den Takt verpasste, fuhr ein Stück wieder hinauf, und oben lachten alle.
- Matthes stand auf dem Seil neben ihm und zählte laut mit: „Brett, Brett, Brett.“
- Während sie Brett für Brett tiefer glitten, merkte Anton, dass seine eigenen Knie zitterten, und er hoffte, dass Matthes es nicht sah. Trotzdem brummte er: „Du musst nicht zählen.“
- „Doch“, sagte Matthes. „Sonst hör ich mein Herz so laut.“
- Über ihnen rumpelte ein Wasserrad, das die Fahrkunst antrieb, und das helle Viereck oben wurde mit jedem Brett kleiner, bis es fort war.
- Unten gingen Anton und Matthes durch die Strecke, einen Gang so schmal, dass sie hintereinander gehen und die Köpfe einziehen mussten, bis ganz ans Ende, vor Ort, wo sie das Erz aus dem Fels schlugen. Die Luft war warm, feucht und so träge, dass sie offenbar selbst zum Atmen zu faul war; matte Wetter, sagten die alten Hauer dazu. In matten Wettern, hieß es, brannte selbst ein voller Frosch nur mit halbem Herzen, und ihre beiden Hungerlichter hatten den Kampf beinahe schon aufgegeben.
- Anton hob beide Frösche hoch und sah prüfend hinein, zweimal, wie er eben alles zweimal prüfte. Dann sagte er langsam: „Das reicht bis Mittag. Nicht bis zum Schichtende.“
- Matthes wurde ganz blass um die Nase. „Und wenn wir früher ausfahren?“
- Anton schüttelte den Kopf. „Dann wartet oben der Löffelgeier mit dem Handwagen.“
- Matthes schluckte. „Und wenn wir bleiben?“
- Anton sah in die kleinen Flammen. „Dann sitzen wir am Nachmittag im Dunkeln, dreihundert Lachter unter dem Pflaster von Sankt Andreasberg.“
- Eine Weile war nur das Wasser zu hören, das irgendwo von der Decke tropfte, während die beiden Flammen um jedes bisschen Luft kämpften. Da leuchteten die Augen von Matthes auf, und Anton ahnte, was jetzt kam. Dieses Leuchten bedeutete nie etwas Gutes. Matthes schnippte mit den Fingern: „Ich hab's! Wir fragen den Bergmönch. Meine Großmutter hat immer gesagt, der Bergmönch hilft jedem, der ehrlich arbeitet.“
- Seufzend schüttelte Anton den Kopf. „Den Bergmönch gibt es nur in den Geschichten, die du deinen Kindern am Gartentor erzählst.“
- Matthes grinste breit. „Eben. Und meine Geschichten stimmen fast immer.“
- Entschlossen blies Anton einen der beiden Frösche aus, und das Dunkel rückte sofort einen Schritt näher, neugierig und geduldig. „Wir arbeiten bei einem“, sagte er. „Dann reicht es länger.“
- Matthes starrte in die letzte Flamme, und Anton sah förmlich, wie es in seinem Kopf arbeitete. Dann fragte Matthes eifrig: „Und wenn ich gar nichts sage? Brennt der Frosch dann länger?“
- „Nein“, sagte Anton trocken. „Aber dann ist es endlich still.“
- Matthes versuchte es trotzdem. Er presste die Lippen aufeinander, blies die Backen auf und hielt tapfer durch, beinahe bis zum nächsten Hammerschlag.
- Zur selben Zeit trat an der Hängebank noch jemand auf die Fahrkunst, ganz leise und ohne ein einziges Klirren, denn die Kette an seinem Gürtel hielt er diesmal mit der Hand fest. Der Steiger wollte mit eigenen Augen sehen, wie lange ein halber Löffel reichte.
- Zweites Kapitel: Ein Licht in der Strecke.
- Gegen Mittag war es vor Ort so warm, dass Anton der Schweiß in die Augen lief und das Salz darin brannte. Nur noch ein Frosch brannte, und der sollte bis zum Schichtende reichen, was er ganz offensichtlich nicht vorhatte. Die kleine Flamme duckte sich schon vor der Dunkelheit, und es roch brenzlig.
- Während Anton den letzten Rest aus dem zweiten Frosch nachgoss, knackte es irgendwo im Berg, tief und trocken, und dann noch einmal, näher.
- Anton murmelte, mehr für sich als für Matthes: „Der Berg arbeitet. Das tut er immer.“ Aber seine großen Hände zitterten, und die glaubten ihm offenbar kein Wort.
- Matthes redete gegen die Angst an, wie er gegen alles anredete, schnell und ohne Luft zu holen: „Kennst du die Geschichte von den zwei Bergleuten, denen das Öl ausging?“
- „Nein“, flüsterte Anton.
- Matthes seufzte kläglich: „Ich auch nicht. Ich wüsste so gern das Ende.“
- Die Flamme wurde blau, dann klein wie ein Hirsekorn, dann nur noch ein roter Punkt, der im Dunkeln schwebte. Hastig flüsterte Matthes: „Wir fahren aus, jetzt gleich, sofort, auf der Stelle.“
- Anton fragte heiser zurück: „Im Dunkeln? Dreihundert Lachter?“ Dabei dachte er an jenen Satz vom Morgen: Heil runter, heil rauf. Zum ersten Mal in zwölf Jahren klang er wie eine Frage.
- Dann schwieg auch Matthes, und das war das Schlimmste von allem, denn einen schweigenden Matthes hatte Anton noch nie erlebt.
- Da sahen sie hinten in der Strecke ein Licht. Matthes sprang auf und setzte sich gleich wieder hin, und Anton wusste, warum: Jenes Licht konnte auch der Löffelgeier sein.
- Das Licht kam näher, mit Schritten so schwer, dass der Boden unter ihnen zitterte und feiner Staub von der Decke rieselte, und ein süßer Geruch zog heran, nach Honig und warmem Bienenwachs.
- Dann tauchte ein Riese auf, so gebückt unter der niedrigen Decke, dass sein Rücken den Fels streifte. In der Hand hielt er eine große Grubenlampe aus Messing, und gegen ihr Licht war ihr letzter Frosch nur noch ein Glühwürmchen. Sein langer, graublauer Kittel mit den Messingknöpfen reichte ihm bis auf die Stiefel, und mit der tiefen Kapuze sah er aus wie ein Mönch.
- Vor Angst rührten sich Anton und Matthes nicht mehr, nicht einmal der Mund von Matthes.
- Da richtete sich der Riese auf, bis seine Kapuze an den Fels stieß und ihm Staub in den weißen Schnauzbart rieselte. Anton sah zum ersten Mal sein Gesicht: ein rundes, freundliches Großvatergesicht über einem türkisen Halstuch, mit Augen, die schon sehr viele Bergleute im Dunkeln gefunden hatten.
- Der Riese hob die freie Hand und sprach mit tiefer, warmer Stimme: „Glück auf! Fürchtet euch nicht, ich bin Lampert, der Bergmönch, und ich bring Licht rein.“ Da hörten die Knie von Matthes auf zu zittern, eines nach dem anderen.
- Der Bergmönch beugte sich über ihre Frösche, sah hinein, zog die weißen Brauen über der großen Nase zusammen und brummte: „Ein halber Löffel. Da hat einer geschummelt.“
- Anton war sehr froh, dass nicht er es gewesen war. Aus seiner Messinglampe goss Lampert Öl in ihre Frösche, bis beide hell und golden brannten, heller, als Anton sie je gesehen hatte.
- Matthes starrte in das viele Licht und beugte sich zu Anton hinüber. Flüsternd, damit der Riese es nicht hörte, sagte er: „So viel Öl hat der Löffelgeier in seinem ganzen Leben nicht verschenkt.“
- „Pst“, machte Anton.
- Dann band der Bergmönch seinen Lederschurz fester, nahm ihre Hacke und hackte los wie ein Specht, der zu spät zur Arbeit kommt. Während Matthes mit offenem Mund zusah, versuchte Anton, die Schläge zu zählen, und kam zum ersten Mal in seinem Leben nicht hinterher. Nach einer Stunde lag da mehr Silbererz, als sie sonst in einer ganzen Woche aus dem Fels schlugen.
- Was Anton und Matthes nicht wussten: Hinten in der Strecke, dort, wo das Licht nicht mehr hinreichte, stand der Steiger im Dunkeln, den eigenen Frosch hinter einem Stein versteckt. Das große Licht blendete ihn, aber jeden einzelnen Schlag hörte er genau, und bei jedem Schlag glänzten seine Augen ein wenig mehr.
- Vorn im Licht sah der Bergmönch ernst auf die beiden herab, und seine Stimme wurde so tief, dass Anton sie im Bauch spürte: „Sagt keinem Menschen, dass ihr mich gesehen habt, nicht einmal euren Kindern. Wer es erzählt, dem ist das Licht fort.“
- Anton antwortete fest: „Versprochen.“
- Matthes schluckte, einmal, zweimal, dreimal. Dann versprach er es auch, und Anton wusste: Das war das Schwerste, was Matthes in seinem ganzen Leben gesagt hatte.
- Da ballte der Bergmönch eine gewaltige Faust, holte weit aus und schlug ein einziges Mal links an die Seitenwand.
- Der ganze Berg dröhnte, und die Wand tat sich auf. Dahinter lag ein langer Gang, der von Gold und Silber schimmerte, und irgendwo darin klang es hell und fein.
- Mit tränenden Augen wandten sie sich ab, so hell war der Glanz. Als sie wieder hinsahen, war die Wand zu und der Bergmönch fort. Nur der Duft nach Honig hing noch in der Luft, und in ihren Fröschen brannte das Öl, ruhig und golden.
- Nach der Schicht fuhren sie hinauf in den kalten Wind, erleichtert und so schweigsam, dass Anton Matthes zweimal ins Gesicht sah, ob er krank sei. Oben an der Hängebank stand auf einmal der Steiger vor ihnen, mit schiefem Kopf und Staub auf der Kappe, und die Kette an seinem Gürtel klirrte leise.
- Mit gierig leiser Stimme sagte der Steiger: „Ich habe es glitzern sehen, eine ganze Wand voll Gold und Silber.“ Er wischte sich den Staub von der Kappe, und seine Finger zuckten, als griffen sie schon nach dem Gold. Dann sprach er weiter, jedes Wort abgemessen: „Montag früh fahre ich mit euch ein, und ihr macht mir die Wand auf. Dann erzählt man sich im ganzen Harz von mir. Sonst holt ihr den Handwagen.“
- Schon im Gehen drehte er sich noch einmal um und sagte fast freundlich: „Und heute Abend im Wirtshaus erzählt mir Matthes sowieso alles.“
- Kaum war der Steiger um die Ecke, packte Anton Matthes am Ärmel und sagte leise und sehr ernst: „Heute Abend kein einziges Wort. Nicht über den Bergmönch, nicht über das Öl, nicht über die Wand.“
- Matthes nickte eifrig: „Ich sag ja nichts.“
- Anton seufzte: „Genau davor habe ich Angst.“
- Ausgerechnet Matthes, dachte er, der nicht einmal das Geheimnis von der Sahnetorte bis zur nächsten Ecke behalten konnte. Matthes aber sah nur auf seinen Frosch. Noch brannte die Flamme ruhig und hell.
- Drittes Kapitel: Ein Wort zu viel.
- Am selben Abend war das Wirtshaus voll, und es roch nach Bratkartoffeln, nassen Jacken und dem Pfeifentabak der alten Hauer, die in der Ecke saßen und seit Jahren dieselben Geschichten erzählten. Den Frosch von Matthes hatten sie an einen Haken neben die Tür gehängt, wo alle ihn sehen konnten. Anton saß dicht neben Matthes und passte auf ihn auf, denn die Geschichte vom Bergmönch drückte Matthes von innen gegen die Zähne, das sah man ihm an.
- Während Anton noch überlegte, wie man einen Matthes zum Schweigen brachte, saß auf einmal der Steiger auf der anderen Seite von Matthes, mit schiefem Kopf, und schob ihm lächelnd einen Teller Bratkartoffeln hin. Ein Lächeln beim Löffelgeier war ungefähr so selten wie ein voller Löffel, und Anton traute keinem von beiden.
- So freundlich, dass Anton die Gabel hinlegte, sagte der Steiger: „Erzähl doch, Matthes. Sag mir, wie ihr die Wand aufgemacht habt, und die Sache mit dem Handwagen ist vergessen.“
- Mit vollem Mund fing Matthes an: „Ich sag ja nichts, aber heute kam ein Licht die Strecke herauf.“
- Alle im Wirtshaus wurden still, sogar die alten Hauer in der Ecke, und der Steiger beugte sich so weit vor, dass ihm fast die Kappe in die Bratkartoffeln fiel. Da sah Matthes zur Tür, zu seinem Frosch. Die Flamme zitterte und wurde klein.
- Erzählte Matthes weiter, war das Licht fort. Erzählte er nicht, kam der Handwagen. Einen langen Augenblick sah Anton, wie es in Matthes arbeitete, während der Steiger schon die Hand nach dessen Arm ausstreckte. Dann sagte Matthes laut und fröhlich: „Ein Licht, von einem Glühwürmchen, so groß wie eine Kuh.“
- Das ganze Wirtshaus lachte, diesmal über Matthes, während die alten Hauer sich auf die Knie schlugen. An der Tür wurde die Flamme wieder hell.
- Nur der Steiger zog seinen Teller zurück, aber der war schon leer.
- An jenem Montag standen sie früh am Morgen zu dritt oben an der Hängebank. Anton prüfte den Frosch des Steigers zweimal, wie er eben alles zweimal prüfte: halb gefüllt, wie immer. Dann stiegen sie auf die Fahrkunst, Brett für Brett hinab in die Wärme, und vor Ort stellte der Steiger seinen Frosch auf einen Stein.
- Leise und langsam, jedes Wort abgewogen wie sein Öl, sagte der Steiger: „Ihr habt Zeit, bis mein Licht ausgeht. Dann ist die Wand offen, oder ihr fahrt aus. Für immer.“
- Öffnen konnten sie die Wand nicht, und verraten durften sie nichts. Matthes beugte sich zu Anton und flüsterte: „Soll ich dem Steiger vom Bergmönch erzählen? Dann haben wir wenigstens Arbeit.“
- Anton dachte an das klapprige Gefährt mit den Betten und an seine Tochter, die obendrauf saß und winkte, und flüsterte trotzdem zurück: „Wir haben es versprochen.“
- Dann schwiegen alle drei. Auf dem Stein knisterte die Flamme des Steigers, schon ein Stück kleiner.
- Ganz ruhig und ernst sagte Matthes: „Dann eben der Handwagen.“ Anton hörte es sofort: Das war kein Witz. Es war das erste Mal, dass Matthes etwas sagte, das kein Witz war.
- Gierig drückte der Steiger das Ohr an jene Stelle der Wand, wo das Gold geglitzert hatte, und horchte, während hinter ihm seine Flamme leise knisterte. Dann riss er Matthes die Hacke aus der Hand und hackte, wieder und wieder, bis Steinsplitter sprangen und ihnen der Staub in der Kehle kratzte.
- Keuchend rief der Steiger: „Hier war es! Genau hier!“ Er hackte und hackte, und hinter ihm wurde seine Flamme kleiner. Sie duckte sich. Sie wurde blau.
- Da rief Anton laut: „Steiger, Ihr Licht!“ Doch der Steiger hackte weiter. Er hatte nur noch Augen für das Gold, das nicht mehr da war.
- Die Flamme wurde ein roter Punkt. Dann ging sie aus.
- Nun hatte der Steiger kein Licht mehr, und Anton sah es ihm im Schein ihrer beiden Frösche an: Jetzt wusste er, wie lange ein halber Löffel reichte.
- Da griff der Steiger nach Antons Frosch, aber daneben, und rief, gar nicht mehr leise: „Gebt mir ein Licht!“
- Dann wurde seine Stimme wieder leise, und Anton hörte darin etwas, das er beim Löffelgeier noch nie gehört hatte, nämlich Angst: „Wer hat euch das Öl gegeben? Sagt es mir, und der Handwagen bleibt im Schuppen.“
- Erzählte Matthes jetzt, ging auch ihr Licht aus, und dann säßen alle drei im Dunkeln, dreihundert Lachter tief. Anton sah, dass Matthes die Geschichte schon auf der Zunge hatte. Sie kitzelte ihn dort, das sah man.
- Haltet euch mit Matthes die Hand vor den Mund, ganz fest, auch wenn es auf der Zunge kribbelt. Wer schon liegt, zieht die Decke bis unter die Nase.
- Da murmelte Matthes durch die Finger: „Ich sag ja nichts.“ Und diesmal sagte er wirklich nichts.
- Anton legte die Hand des Steigers an seinen Gürtel und sagte ruhig: „Halten Sie sich fest. Wir bringen Sie nach oben.“
- Auf der Fahrkunst sagte Anton bei jedem Brett laut „Jetzt“, bis oben das Tageslicht hereinfiel, grau und herrlich.
- Oben im Zechenhaus sahen alle erst den Steiger an, staubig und ohne Licht, dann die Uhr und dann wieder den Steiger. Einer der alten Hauer begann zu grinsen und fragte so laut, dass es alle hörten: „Na, Steiger, wie lange reicht denn so ein halber Löffel?“
- Der Steiger antwortete nicht, und Matthes biss sich auf die Lippe, damit ihm nur ja nichts herausrutschte.
- Zufrieden sagte Anton: „Heil runter, heil rauf.“ Dann fuhren die beiden wieder ein, denn die Schicht war noch nicht zu Ende. Das hatte Anton zweimal geprüft.
- Am Sonnabend zog sich der Steiger nach seiner eigenen Regel den Wochenlohn ab. Vom Handwagen sprach er nie wieder, und von da an bekam jeder Bergmann einen ganzen Löffel, manchmal sogar einen Tropfen mehr.
- Anton und Matthes brauchten keinen, denn ihr Öl vom Bergmönch brannte viele Jahre lang. Jeden Abend erzählte Matthes seinen Kindern am Gartentor eine Geschichte aus dem Berg. Nur diese eine nie.
- Jetzt kennt ihr sie auch. Erzählt sie keinem, höchstens ganz leise eurem Kopfkissen. Das ist ja keiner.
- Die Grube Samson in Sankt Andreasberg gibt es wirklich. Auf der Fahrkunst mitfahren dürft ihr nicht, und hinein geht ihr nur mit einer Führung.
- Und woher ich die Geschichte kenne? Ich sag ja nichts.
Wo ihr das heute seht
Der Bergmönch soll in den Gruben des Harzes umgegangen sein, auch in der Grube Samson in Sankt Andreasberg. Dort ist die Fahrkunst von 1837 erhalten, ein Aufzug aus Drahtseilen mit Trittbrettern, die sich auf und ab bewegen. Nach Angabe des Bergwerks ist sie die letzte auf der Welt, die noch betriebsbereit ist.
Auf der Harzkarte zeigen etwa 20 km von Bad Harzburg