Harzer Lichterscheinung · Brocken
Das Brockengespenst
Ein riesiger Geist im Nebel – und wer er wirklich ist.
Teil 1
Die Lichterscheinung, wie sie beschrieben wurde
Nach Johann Esaias Silberschlag, Physikalisch-mathematische Beschreibung des Brockenbergs (1779) und Geogenie, Erster Theil (1780), dazu Heinrich Pröhle, Unterharzische Sagen (1856), Nr. 348
Das Brockengespenst ist keine Sage, sondern eine Lichterscheinung. Die älteste genaue Beschreibung dieser Erscheinung auf dem Brocken stammt von dem Naturforscher und Theologen Johann Esaias Silberschlag, der den Berg im Herbst 1751 zum ersten Mal besuchte, zur Zeit der Herbstnebel.
Früh am Morgen sah er von der Heinrichshöhe eine Wolke auf dem Gipfel liegen und ging aus Neugier mit einem Begleiter hinein. Im Nebel verloren sie sich. Silberschlag sah kaum fünfzehn Schritte weit, und seine Stimme trug nicht. Er setzte sich auf einen Stein und fror so sehr, dass es gefährlich wurde. Endlich trieb der Wind die Wolke fort, und er stand plötzlich im hellsten Sonnenschein.
Am Abend stieg er mit der gräflichen Herrschaft auf den Gipfel, um den Sonnenuntergang zu sehen. Als die Sonne im Westen versank, drehte er sich nach Osten um. Dort schwebte in der Gegend von Halberstadt der Schatten des Berges im Nebel, vielmal größer als der Berg selbst, mit dem Häuschen auf dem Gipfel und allen Menschen darauf. Es sah aus wie ein entsetzliches Gespenst, umso fürchterlicher, weil unten im Land schon Nacht war, und sein Umriss war in den Farben der Abendröte eingefasst. Es machte alle Bewegungen der Menschen nach, die darin wie riesige Zyklopen daherschritten. Das Häuschen war ein Palast geworden, die Füße waren bewegliche Tannen, die Arme Masten, und ein Taschentuch in der Hand wurde zum Segel. Nach Sonnenuntergang verschwand das Bild.
Silberschlag erklärte es gleich selbst: Die untergehende Sonne warf den Schatten des Berges auf dünnen Nebel, der aus dem Land aufgestiegen war. Im Sommer sehe man das gar nicht, im Herbst nur sehr selten.
Eine Volkssage dazu ist nur ganz kurz überliefert: Heinrich Pröhle schrieb 1856 auf, das Brockengespenst sei eine Riesengestalt und eine Frau, die sich jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit zeige und die Leute vom Brocken vertreibe.
Teil 2
Unsere Kurzgeschichte
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Lichterscheinung
Am späten Nachmittag stand Ida mit Opa oben auf dem Brocken im dichten Nebel. Ihre Finger waren kalt, und ihre türkisfarbene Bommelmütze war nass. Den ganzen Tag hatte sie auf das Brockengespenst gewartet, den Riesen im Nebel, den sie Glorio nannte. Doch neben ihr wartete Direktor Wunder aus der Stadt, mit Zylinder, Netz, Einmachglas und einem goldenen Käfig für sein Wunderkabinett. „Was man sieht, kann man fangen“, sagte er, und hinter ihnen pfiff schon die letzte Bahn.
Da sank der Nebel. Hinter Ida brach die Sonne hervor, tief und golden, und vorn auf dem Nebel wuchs ein Riese empor, mit einem bunten Ring um den Kopf und einer Bommelmütze. Direktor Wunder warf sein Netz. „Duck dich, Glorio!“, rief Ida und duckte sich, und der Riese duckte sich auch. Das Netz flog über ihn hinweg, und als Direktor Wunder gierig daran riss, klatschte es ihm über den Zylinder.
Ida hob den Arm, und der Riese hob seinen. Sie nahm die Mütze ab, und der Riese nahm seine ab. Da musste Ida lachen, denn Glorio war ihr eigener Schatten, und den konnte niemand fangen. Direktor Wunder schlug trotzdem den Deckel seines Glases zu. Drin war nur ein einziger Tropfen. Die letzte Bahn erwischten Ida und Opa gerade noch.
Das Brockengespenst gibt es wirklich, aber man sieht es nur selten: Die Sonne muss tief hinter euch stehen, und vorn muss Nebel liegen. Auf den Brocken fährt die Brockenbahn von Wernigerode, und oben bleibt ihr auf den Wegen.
Teil 3
Unsere Langgeschichte zum Anhören
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Lichterscheinung
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- Erstes Kapitel: Ein Käfig für Glorio.
- Am Bahnhof in Wernigerode stand die Brockenbahn schon unter Dampf, als Ida den Bahnsteig entlangrannte. Es war ein kalter, grauer Morgen im Oktober. Die schwarze Lok zischte. Es roch nach Kohlenrauch.
- Idas Finger waren kalt, und bei jedem Schritt hüpfte der weiße Bommel auf ihrer türkisfarbenen Mütze.
- Hinter ihr kam Opa, langsam, mit steifem Knie und einem Stock aus hellem Holz.
- Vor der Lok blieb Ida stehen. „Heute sehen wir Glorio!“, rief sie, so laut, dass der Lokführer aus seinem Fenster schaute.
- Glorio, so nannte Ida das Brockengespenst, den Riesen im Nebel auf dem Brocken. Ida war acht, und seit Wochen malte sie ihn jeden Abend.
- „Zweiundsiebzigmal war ich da oben“, sagte Opa langsam und tief. „Gezeigt hat er sich mir nie.“
- „Heute“, sagte Ida, „ist ja auch das dreiundsiebzigste Mal.“
- Die Bahn schnaufte bergauf durch dunkle Fichtenwälder, und Opa goss dampfenden Kakao ein und zog ein altes Notizbuch aus der Jacke.
- Als Junge hatte er darin abgeschrieben, was ein Naturforscher vor fast dreihundert Jahren über den Brocken berichtet hatte.
- „Am Morgen verlief er sich“, erzählte Opa, „in einer Wolke. Am Abend aber stand er oben in der Sonne, und auf dem Nebel im Osten erschien ein Riese.“ Er las vor: „Wie ein entsetzliches Gespenst.“
- „Der Riese machte alles nach“, sagte Opa. „Hob der Mann den Arm, streckte sich im Nebel eine Tanne aus. Und sein Taschentuch wurde ein Segel.“
- Unter die alten Sätze hatte Ida Glorio gemalt, einen grauen Riesen mit einem bunten Ring um den Kopf und einer Bommelmütze, weil es da oben so kalt war.
- „Den bunten Ring nennt man Glorie“, sagte Opa.
- „Darum heißt er ja Glorio“, sagte Ida. „Und wann kommt er?“
- „Die Sonne“, sagte Opa, „muss tief hinter dir stehen, und vorn muss Nebel liegen. Abends schaut man nach Osten.“ Er seufzte. „Aber mal ist zu viel Nebel da, mal gar keiner. Und die letzte Bahn wartet auf niemanden.“
- „Und was ist er wirklich?“, fragte Ida.
- „Das hat der Naturforscher auch aufgeschrieben“, sagte Opa. „Aber da wurde es langweilig, und ich habe aufgehört abzuschreiben.“
- Hinter Drei Annen Hohne klirrte es plötzlich am Ende des Wagens, als schleppte jemand Topfdeckel durch den Gang. Es roch nach Lampenöl.
- „Meine Herrschaften!“, rief eine Stimme, so laut, dass der Schaffnerin die Fahrkarten aus der Hand flogen.
- Durch den Gang kam ein Herr aus der Stadt, mit schwarzem Zylinder und einer Weste voller silberner Sterne. In der Hand hielt er eine große Laterne, und auf dem Rücken trug er etwas Goldenes, das klirrte.
- „Zu Diensten“, rief er und lüftete den Zylinder, „Direktor Wunder von Wunders Wunderkabinett! Bei mir sieht man jedes Wunder, und zwar hinter Gittern.“
- Dann entdeckte er das Bild im Notizbuch. „Sieh an“, sagte er zu Opa. „Sie wissen wohl, wann das Brockengespenst kommt. Ich zahle zehn Groschen dafür!“
- „Nein“, sagte Opa, und mehr sagte er nicht.
- Da schwang Direktor Wunder das Goldene vom Rücken und klappte es mit drei Klacken auseinander. Mitten im Gang stand ein Käfig mit goldenen Stangen.
- Direktor Wunder klopfte auf das Netz und das große Einmachglas an seinem Gürtel. „Da passt jedes Gespenst hinein. Und an den Käfig kommt ein Schild: Einmal Gucken ein Groschen, einmal Anstupsen zwei.“
- Ida sah Glorio vor sich, zusammengequetscht hinter goldenen Stangen in einem Saal unter grellen Lampen, und alle Leute klopften an das Gitter. Glorio, der nur im Nebel zu Hause war, würde nie wieder Nebel sehen.
- „Glorio kommt in keinen Käfig“, sagte Ida laut, aber ihr Bauch war kalt.
- „Den hat noch keiner gefangen“, sagte Opa gelassen.
- „Was man sieht, kann man fangen“, antwortete Direktor Wunder, und seine Stimme wurde leise und freundlich. „Sie müssen mir gar nichts verraten. Ich bleibe einfach bei Ihnen, den ganzen Tag.“
- Ida drehte an ihrem Bommel, bis er schief hing. Suchte sie Glorio, führte sie Direktor Wunder zu ihm, und suchte sie ihn nicht, sah sie ihn nie. Also musste sie Direktor Wunder abhängen, oben im Nebel.
- Kurz vor dem Gipfel wurden die Fenster weiß. „Der Brocken hat seinen Hut auf“, sagte Opa. „Wer mitten in der Wolke steht, sieht keinen Riesen.“
- Als sie ausstiegen, schlug ihnen nasse Kälte entgegen, und Ida sah kaum ihre eigenen Stiefel. Hinter ihnen klirrte der goldene Käfig.
- Zweites Kapitel: Die Laterne im Nebel.
- Am Vormittag war oben auf dem Brocken die Welt verschwunden. Es war dämmrig. Der Nebel legte sich kalt auf Idas Wangen, hängte Tropfen an ihre Wimpern und schmeckte nach nassem Stein.
- Die Lok zischte hinter ihnen, aber es klang, als stünde sie in einem anderen Tal.
- Am Bahnhof verkaufte Direktor Wunder lauthals Eintrittskarten für ein Gespenst, das er noch gar nicht hatte.
- Ida nahm Opas Hand, und sie schlichen fort vom Bahnhof, den Weg entlang. „Im Nebel“, flüsterte Opa, „bleiben wir auf dem Weg. Und wenn wir uns verlieren, bleibst du stehen und rufst nach mir.“
- Nach ein paar Schritten war der Bahnhof verschwunden und Direktor Wunders Stimme auch. Dann stolperte Ida über einen Stein, und als sie sich fing, war Opas Hand weg.
- Ida stand ganz still, und ihr Bauch wurde kalt. „Opa?“, rief sie, aber ihre Stimme kam nicht weit. Sie blieb mitten auf dem Weg stehen und rief noch einmal. Nur Tropfen fielen auf Stein.
- Da wurde der Nebel vor ihr gelb. Ein Licht schwamm darin, und in dem Licht wuchs ein Schatten empor, groß wie ein Haus, mit langen, dunklen Armen.
- „Glorio?“, flüsterte Ida.
- „Ich bin hier“, sagte Opa, ganz nah, und jetzt hörte sie ihn. Der Nebel hatte sein Rufen verschlungen.
- Plötzlich klirrte es. Der Schatten schrumpfte, und aus dem Nebel trat Direktor Wunder mit seiner Laterne. „Die junge Dame ruft so schön laut“, sagte er sanft. „Ab jetzt bleibe ich dicht bei euch. Wie euer Schatten.“
- Ida hielt Opas Hand so fest, dass es wehtat. Weglaufen ging nicht, denn im Nebel verlor sie Opa, und aufgeben ging auch nicht. Also beschloss sie, Direktor Wunder auszutricksen.
- Gegen Mittag riss der Wind den Nebel in Fetzen, die Sonne schien warm, und tief unten lag das Land bis nach Wernigerode. Aber nirgends war mehr Nebel.
- Opa blinzelte in die Sonne. „Der Wind hat dem Brocken den Hut weggeweht. Und die Sonne steht zu hoch.“
- Sie setzten sich auf eine Bank, Opa legte das Notizbuch neben sich, und der Kakao dampfte süß. Auf der nächsten Bank schwitzte Direktor Wunder unter seinem Zylinder und ließ sie nicht aus den Augen.
- Da flüsterte Ida, so laut, dass man es bis zur nächsten Bank hörte: „Glorio kommt auch mittags. Man muss nur auf einem Bein um den Bahnhof hüpfen und dreimal seinen Namen rufen.“
- Opa zwinkerte. „Aber nur mit zugehaltener Nase“, flüsterte er, genauso laut wie Ida.
- Direktor Wunder sprang auf, hielt sich die Nase zu und hüpfte auf einem Bein um den Bahnhof, dass der Käfig auf seinem Rücken schepperte. „Glorio!“, rief er, als hätte er Schnupfen. „Glorio! Glorio!“
- Die Leute lachten, und ein kleiner Junge hüpfte hinter ihm her. Ida lachte so sehr, dass ihr der Bommel ins Gesicht fiel.
- Da merkte Direktor Wunder, dass alle nur ihn ansahen, und er wurde rot bis unter den Zylinder.
- „Einmal Auslachen kostet einen Groschen“, sagte er leise. Und bevor Opa sich rühren konnte, hatte er das Notizbuch von der Bank gerissen und war zwischen den vielen Leuten verschwunden.
- „Da steht alles drin“, sagte Opa, und seine Stimme war ganz dünn. „Wann, wo und wie.“
- Ida hörte auf zu lachen. Auch ihr Bild von Glorio war darin, und hinterherrennen konnte Opa nicht. „Dann sind wir eben vor ihm da“, sagte sie.
- Hinter dem Bahnhof, im Schatten der Lok, blätterte Direktor Wunder im Notizbuch. „Sonne tief im Rücken, vorn Nebel, abends nach Osten“, las er halblaut und lachte leise. „Die zwei müssen mit der letzten Bahn hinunter. Ich bleibe oben.“
- Er riss Idas Bild heraus und steckte es an die Käfigtür. „Damit die Leute gleich wissen, was drin ist.“
- Am Nachmittag stieg aus dem Land im Osten wieder Nebel herauf, erst in dünnen Streifen, dann dicht und grau, bis der Gipfel darin verschwand. Unten im Wald pfiff die letzte Bahn.
- Ida zog Opa hinter sich her, so schnell sein Knie es erlaubte. Doch am Ostrand leuchtete schon eine Laterne. Daneben stand der Käfig mit offener Tür, und an der Tür hing Idas Bild.
- Direktor Wunder war zuerst da.
- Drittes Kapitel: Sonne im Rücken.
- Am späten Nachmittag kroch Ida die Kälte durch die Stiefel bis in die Zehen. Der Nebel war noch dicker als am Morgen, und irgendwo dahinter hing die Sonne im Westen, blass wie der Mond am Tag.
- Von unten pfiff die letzte Bahn, schon viel näher.
- Direktor Wunder stand mitten auf dem Weg, das Netz in der Hand, und sein Käfig glänzte feucht im Laternenlicht.
- „Danke für das Rezept, junge Dame“, sagte er freundlich und wedelte mit Opas Notizbuch. „Das stelle ich mit aus. Ihr fahrt gleich nach Hause, und ich bleibe hier. Nächsten Sonntag darfst du Glorio besuchen, für einen halben Groschen.“
- Ida sah ihr Bild an der Käfigtür und Opas Notizbuch in der fremden Hand. Sie sah Glorio im grellen Lampenlicht und all die klopfenden Finger.
- Hinter ihnen zischte Dampf, und die Schaffnerin rief: „Letzte Bahn! Bitte einsteigen!“
- „Ida“, sagte Opa leise. „Wir müssen.“
- Keiner sagte mehr etwas. Vom Käfig tropfte der Nebel, Tropfen für Tropfen.
- Ida dachte an Glorio, der ganz allein aus dem Nebel käme, genau vor das Netz. „Ich lasse ihn nicht allein mit dem“, sagte sie laut, obwohl ihr Bauch kalt war.
- „Bis die Lok noch einmal pfeift“, sagte Opa.
- Ida stellte sich neben Direktor Wunder an den Wegrand, das Gesicht zum Nebel. Sonne im Rücken, dachte sie, auch wenn gerade keine da war.
- Da sank der Nebel, ganz langsam. Erst tauchten Idas Stiefel wieder auf, dann die Steine am Weg, dann der ganze Gipfel. „Er nimmt den Hut ab“, flüsterte Opa.
- Hinter ihnen brach die Sonne hervor, tief und golden, und wärmte Ida den Nacken. Ihre Schatten liefen lang über den Weg, und auf dem Nebel im Osten wuchs ein Riese empor.
- Er war grau und hoch wie ein Berg. Um seinen Kopf leuchtete ein Ring in allen Farben, innen violett und außen rot, und auf dem Kopf trug er eine Bommelmütze.
- „Glorio“, flüsterte Ida. „Mit Mütze, genau wie auf meinem Bild.“
- „Da ist es!“, brüllte Direktor Wunder und warf sein Netz weit hinaus, mitten auf den Riesen zu.
- „Duck dich, Glorio!“, rief Ida und duckte sich selbst.
- Im Nebel duckte sich der Riese, und das Netz flog über seine Mütze hinweg. Direktor Wunder riss so gierig an der Leine, dass ihm das nasse Netz zurück über den Zylinder klatschte.
- Direktor Wunder zappelte in seinem eigenen Netz. Ida richtete sich langsam auf, und der Riese mit ihr.
- Hebt mit Ida den rechten Arm, ganz langsam, so hoch ihr könnt. Und jetzt winkt! Wer schon im Bett liegt, winkt mit der Bettdecke.
- Im Nebel hob der Riese den Arm, als streckte sich eine Tanne in die Höhe, und winkte. Opa reichte ihr sein rotes Taschentuch, Ida schwenkte es, und in der Hand des Riesen blähte sich ein Segel.
- Ida legte den Kopf schief. Der Riese legte den Kopf schief, und sein Bommel wackelte. Langsam zog Ida die Mütze vom Kopf, und der Riese zog seine herunter.
- „Opa“, flüsterte Ida. „Das bin ja ich.“
- Neben dem Riesen stand ein zweiter, der sich auf einen langen Stab stützte. „Und das bin ich“, sagte Opa, und seine Stimme wackelte ein bisschen.
- „Aber nur meiner hat einen Ring“, sagte Ida.
- Opa lachte leise. „Bei mir ist es andersherum.“ Jeder von ihnen sah den bunten Ring nur um den eigenen Schatten.
- „Das war also der langweilige Teil“, sagte Opa.
- Direktor Wunder hatte sich aus dem Netz gewühlt. „Meiner hat auch einen Ring!“, keuchte er und starrte auf einen dritten Riesen mit hohem Hut. „Was man sieht, kann man fangen!“
- „Aber nur mit beiden Händen“, sagte Ida.
- Da ließ Direktor Wunder das Notizbuch fallen, packte sein Einmachglas mit beiden Händen, schwenkte es durch die Luft und schlug den Deckel zu. „Hab ich dich!“ Im Glas rann ein einziger Tropfen herunter.
- Ida hob das Notizbuch auf und musste so lachen, dass sie sich an Opa festhielt.
- Bald tauchte die Sonne in den Dunst am Horizont, und die Riesen verblassten.
- „Jetzt!“, rief Opa und rannte los, steifes Knie hin oder her. Im Vorbeilaufen zog Ida ihr Bild von der Käfigtür.
- Sie stiegen gerade noch in den letzten Wagen, und Direktor Wunder quetschte sich hinter ihnen hinein, das Netz noch auf dem Zylinder.
- „Siehst du“, sagte Ida. „Beim dreiundsiebzigsten Mal klappt es immer.“
- Das Brockengespenst gibt es wirklich, aber man sieht es nur selten. Hinauf kommt ihr wie Ida und Opa mit der Brockenbahn von Wernigerode, oder ihr wandert, etwa von Torfhaus oder Ilsenburg.
- Oben bleibt ihr auf den Wegen, im Nebel erst recht. Und wenn ihr den Riesen seht, winkt ihm zu. Er winkt zurück, versprochen.
- Direktor Wunder zeigt bis heute in seinem Wunderkabinett das Glas. Einmal Hineingucken kostet einen Groschen. Drin ist nicht einmal mehr ein Tropfen.
Wo ihr das heute seht
Das Brockengespenst kann überall erscheinen, wo die Sonne hinter euch steht und vor euch Nebel oder Wolken liegen, auf dem Brocken aber besonders oft. Hinauf kommt ihr mit der Brockenbahn ab Wernigerode oder zu Fuß.
Auf der Harzkarte zeigen etwa 11 km von Bad Harzburg