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Harztraveler

Harzer Sage · Bad Grund

Zwergenkönig Hübich

Der kleine König mit dem Zauberbart und den silbernen Tannenzapfen.

Teil 1

Die Sage, wie sie überliefert ist

Nach Heinrich Pröhle, Harzsagen (1854), „Der Zwergkönig Hibich“, und Hermann Harrys, Volkssagen, Märchen und Legenden Niedersachsens (1840), Nr. 18 „Der silberne Tannzapfen“

Hermann Harrys nennt den Zwergenkönig 1840 Gübich, Heinrich Pröhle 1854 Hibich, heute heißt er Hübich.

Im Hübichenstein bei Grund, dem heutigen Bad Grund, wohnten Zwerge, und ihr König war der Hübich. Er war alt und klein, konnte sich aber sehr groß machen. Sein Haar war rau wie ein Bärenfell, und sein eisgrauer Bart reichte bis auf die Brust. In diesem Bart steckte eine Zauberkraft. In der Hand trug er eine silberne Grubenlampe, die hell wie die Sonne schien, und auf dem Kopf eine goldene Krone. Er schützte den Wald und half armen Leuten.

Ein Bergmann in Grund lag viele Wochen krank, und seine Frau hatte sieben Kinder und kein Brot mehr. Sie wollte Tannenzapfen sammeln und verkaufen, doch am Weg setzte sie sich hin und weinte. Da stand ein altes Männlein mit eisgrauem Bart vor ihr, fragte freundlich, was ihr fehle, und schickte sie zum Hübichenstein. Dort fielen ihr die Zapfen von allen Seiten zu. Sie glaubte, Jungen wollten sie ärgern, und lief davon. Doch alle Zapfen waren in ihre Kiepe gefallen, und auf dem Heimweg wurde sie immer schwerer. Zu Hause waren die Zapfen aus Silber. Am nächsten Morgen ging die Frau zurück, um sich zu bedanken. Der Hübich lachte und gab ihr Kräuter für einen Trank, und von der Stunde an war ihr Mann gesund. Einen Zapfen hob die Familie zum Andenken auf.

Nur eines duldete der Hübich nicht: dass jemand auf seinen Felsen stieg. Einen Försterssohn, der es doch tat, bannte er oben fest, und der Vater wusste keinen Rat mehr. Nachts holten ihn die Zwerge mit Leitern herunter, und der Hübich beschenkte ihn reich. Solange der große Stein groß bleibe, sagte der Hübich, behalte er seine Krone.

Im Dreißigjährigen Krieg schossen kaiserliche Soldaten die Spitze des großen Hübichensteins herunter. Seitdem hat niemand den Hübich mehr gesehen.

Teil 2

Unsere Kurzgeschichte

Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage

Im ersten Grau des Morgens stand Lene am Fuß des Hübichensteins bei Grund. Das Gras war nass, und in der Faust hielt sie ihr Katzengold, ihren einzigen Schatz. Seit Wochen lag ihr Vater krank, und Lene wünschte sich nichts mehr, als dass er wieder mit seiner Lampe zur Frühschicht ging. Doch Griffel, der Bergschreiber, hatte die Lampe mitgenommen und wollte den Vater beim Läuten der Glocke aus seinem Buch streichen. Auch die silbernen Zapfen, ein Geschenk des Männleins mit dem weißen Bart, hatte er geholt und „Diebe!“ gerufen.

Jetzt stand Griffel oben auf dem verbotenen Felsen und schlug mit dem Hammer auf die Spitze. „Bevor die Glocke läutet, ist sie ab“, rief er herunter. Ohne Spitze verliert der Zwergenkönig seine Krone, so stand es in Griffels Büchern. Tief unten im Stein schnarchte jemand.

Lene hielt das Katzengold hoch. „Danke, Hübich!“, rief sie, so laut sie konnte, lauter als der Hammer.

Da trat ein kleiner König mit silberner Krone aus dem Felsen und reckte sich, bis er Griffel in die Augen sah. Er strich sich über den Bart, und der Hammer wurde zu einem Tannenzapfen. Griffel griff nach dem Bart und fasste in den Nebel, und seine Füße klebten am Stein, bis er kleinlaut versprach, alles zurückzugeben.

Das Katzengold steckte der Hübich in seinen Bart. Von seinem Kräutertee wurde der Vater gesund, und einen silbernen Zapfen behielt die Familie zum Andenken. Den Hübichenstein findet ihr bei Bad Grund. Auf die kleinere Felsnadel führt eine Treppe, doch Klettern ist verboten.

Teil 3

Unsere Langgeschichte zum Anhören

Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage

  1. Erstes Kapitel: Der leere Brotkasten.
  2. Als die Glocke zur Frühschicht läutete, kratzte Lene gerade den Brotkasten aus. Es war ein grauer Herbstmorgen in Grund, einer kleinen Bergstadt im Harz.
  3. Nebel hing zwischen den Häusern, und durch die Ritzen der Tür zog es so kalt herein, dass Lene die Zehen in den Holzschuhen krumm machte.
  4. Im Brotkasten lag nur noch ein Krümel. Lene war die Älteste von sieben Kindern, also bekam ihn der Jüngste. Er kaute sehr lange darauf, damit es sich lohnte.
  5. Draußen zogen die Bergleute mit ihren Grubenlampen aus Messing zur Grube und riefen einander ihren Gruß zu, Glück auf.
  6. Nur Lenes Tür blieb zu. In der Stube hustete der Vater, seit sechs Wochen krank, und seine Lampe hing blank geputzt an ihrem Nagel neben der Tür.
  7. „Wenn Vater gesund ist“, flüsterte Lene, damit es in der Stube keiner hörte, „geht er wieder mit. Dann ruft er Glück auf, lauter als alle.“
  8. Hinter ihr schnürte die Mutter mit rissigen Händen die Kiepe fest, einen Rückenkorb aus Weidenruten. „Heute sammeln wir Tannenzapfen“, sagte sie ruhig und müde.
  9. „Der Bäcker heizt seinen Ofen damit. Für eine volle Kiepe gibt er uns ein Brot.“
  10. Da klirrte es in der Gasse, hell und schwer. Die Geschwister auf der Ofenbank rückten zusammen, denn so klang in Grund nur einer.
  11. In der Tür stand Griffel, der Bergschreiber, ein runder Mann mit einer Gänsefeder hinter dem Ohr. Am Gürtel hing sein Schlüsselbund, so groß wie ein Kohlkopf, und unter dem Arm trug er ein dickes Buch.
  12. Darin stand jeder Bergmann und jedes Stück Silber aus dem Berg, und was in Griffels Buch stand, daran glaubten alle.
  13. „Guten Morgen, gute Frau“, sagte Griffel, so höflich, als läse er aus seinem Buch vor. Er schlug das Buch auf und fuhr mit dem Finger bis zum Namen von Lenes Vater.
  14. „Sechs Wochen nicht eingefahren“, sagte er und nahm die Lampe vom Nagel. „Wer nicht einfährt, braucht keine Lampe.“
  15. „Die braucht mein Mann“, sagte die Mutter, „wenn er wieder gesund ist.“
  16. „Wenn“, sagte Griffel und lächelte.
  17. Lene hielt ihm ihren Schatz hin, einen Stein, der golden glitzerte. Den hatte ihr der Vater aus der Grube mitgebracht. „Nehmen Sie den“, sagte sie schnell. „Der ist aus Gold, Herr Griffel.“
  18. Griffel hielt den Stein ans Fenster. „Katzengold“, sagte er und ließ ihn in Lenes Hand zurückfallen. „Glänzt wie Gold und ist nichts wert.“ Dann schrieb er es in sein Buch, damit es auch ganz sicher stimmte.
  19. „Morgen früh“, sagte Griffel, „wenn die Glocke läutet, bekommt ein anderer diese Lampe. Dann streiche ich deinen Vater aus meinem Buch.“ Er klappte es zu, dass der Staub flog. „Was in meinem Buch steht, das gilt.“
  20. Lenes Mund wurde trocken, denn ohne Lampe durfte kein Bergmann in die Grube. Sie sah es vor sich: Alle Väter gingen mit ihren Lampen zur Grube, und ihr Vater stand am Fenster und sah ihnen nach, jeden Morgen.
  21. An der Tür biss ihm plötzlich der Jüngste in eine Ecke des Buches. Griffel wischte sie sauber und schrieb etwas hinein. Keiner wollte wissen, was. Dann ging er, und das Klirren wurde leiser.
  22. Lene stand da, das Katzengold in der Faust, und ihr Gesicht brannte. Warten half nicht, und Zapfen reichten für ein Brot, aber sie machten Vater nicht gesund.
  23. Dann fiel ihr ein, was der Vater erzählt hatte. Unter dem Hübichenstein wohnte der Hübich, der König der Zwerge. Er kannte alle Heilkräuter des Harzes, schützte den Wald und half armen Leuten.
  24. „Wir sammeln am Hübichenstein“, sagte Lene. „Vielleicht hilft uns der Hübich.“
  25. „Das sind Geschichten, Lene“, sagte die Mutter.
  26. „Trotzdem“, sagte Lene.
  27. Der Weg führte in den Wald, derselbe Weg, den die Bergleute jeden Morgen zur Grube gingen. Bald nieselte es und roch nach nassem Moos, und über den Tannen ragte der Hübichenstein, ein heller Felsen mit zwei Spitzen.
  28. Sie suchten unter jeder Tanne, doch die meisten Zapfen waren abgenagt, denn die Eichhörnchen waren früher aufgestanden. Nach einer Stunde klapperten erst zwölf Zapfen in der Kiepe, und in Lenes Holzschuhen quietschte das Wasser.
  29. Da setzte sich die Mutter auf einen Stein am Weg, hielt die Hände vors Gesicht und weinte. Lene hatte sie noch nie weinen sehen. Nur der Regen tropfte von den Ästen.
  30. Dann räusperte sich jemand hinter dem Farnkraut, so tief, dass Lene es in den Füßen spürte.
  31. Zweites Kapitel: Zapfen von allen Seiten.
  32. Es war Mittag, doch unter den Tannen blieb es grau, und der Regen lief Lene in den Kragen. Auf einmal roch es nach Kamille und Tannenharz, und das Farnkraut teilte sich.
  33. Heraus trat ein Männlein, kaum größer als die Kiepe, mit einem weißen Bart fast bis auf die Schuhe. Sein alter Filzhut war an drei Stellen seltsam ausgebeult, und in seinem Bart saß eine Schnecke.
  34. „Was fehlt euch denn?“, fragte das Männlein, und seine Stimme war so tief, dass die Tropfen von den Farnen sprangen.
  35. „Uns kann keiner helfen“, sagte die Mutter und wischte sich die Augen.
  36. „Manch einer“, brummte das Männlein, „kann mehr, als man ihm ansieht.“ Die Schnecke in seinem Bart nickte dazu.
  37. Lene erzählte alles. Das Männlein zeigte zum Felsen, und in seiner Hand glitzerte etwas. „Geht hinüber zum Hübichenstein“, brummte es. „Fürchtet euch nicht. Und rennt mir nicht davon, das tun nämlich alle.“
  38. Dann verschwand das Männlein im Farnkraut, zuletzt der türkisfarbene Saum seines dunkelblauen Mantels. Am Hübichenstein legte Lene den Kopf in den Nacken, so hoch war der große Stein, die größere der zwei Spitzen.
  39. „Nicht hinauf“, sagte die Mutter schnell. „Wer auf den Hübichenstein steigt, den lässt der Hübich nicht wieder herunter. So sagen es die Alten.“
  40. Sie stellten die Kiepe ab und suchten, doch unter dem Felsen lagen nur Nadeln. Plötzlich machte es plock, und ein Zapfen lag in der Kiepe. Dann noch einer.
  41. Die Zapfen kamen von rechts und links, von oben und aus allen Büschen. Sie flogen dicht über Lenes Kopf, und jeder landete in der Kiepe, als hätte er es geübt. In den Büschen blinkten Lichter, und etwas kicherte.
  42. „Lausbuben!“, rief die Mutter und riss die Kiepe hoch. „Die wollen uns ärgern!“ Sie rannten den Weg hinunter, und die Zapfen flogen hinter ihnen her, alle in die Kiepe.
  43. Auf dem Heimweg wurde die Kiepe schwerer. „Nasse Zapfen“, keuchte die Mutter. Doch sie wurde noch schwerer, schwerer als der Jüngste, und der Jüngste war schwer.
  44. Es dämmerte schon, als die Mutter im Holzstall die Kiepe auskippte, und heraus klirrten Tannenzapfen aus Silber, bis in die kleinste Schuppe. Die Mutter wurde ganz starr vor Verwunderung.
  45. Lene hob einen Zapfen auf. „Das war der Hübich“, sagte sie. „Die drei Beulen in seinem Hut, das war seine Krone.“
  46. Brot, dachte Lene, und Arznei für Vater! Aus der Stube kam ein Husten und dann, zum ersten Mal seit Wochen, ein leises Lachen. Für einen Augenblick war der Holzstall der schönste Ort in ganz Grund.
  47. Da klirrte es in der Gasse, hell und schwer. In der Tür stand Griffel, Vaters Lampe am Gürtel, und in ihrem Licht glänzte das Silber.
  48. „Silber“, sagte er leise. „Das steht nicht in meinem Buch. Woher habt ihr das?“
  49. „Geschenkt“, sagte Lene.
  50. Da wurde Griffels Stimme so laut, dass in der ganzen Gasse die Fenster aufgingen. „Diebe!“, rief er. „Die Bergmannsleute haben Silber gestohlen!“
  51. Lene stellte sich vor die Kiepe. „Das hat uns der Hübich geschenkt!“, rief sie.
  52. Die Nachbarn lachten über den Hübich aus den Geschichten. Nur Griffel lachte nicht.
  53. Er drückte seinen Stempel auf die Kiepe, dann auf jeden einzelnen Zapfen. „Morgen früh“, sagte er, „wenn die Glocke läutet, schreibe ich es in mein Buch. Dann weiß ganz Grund, dass hier Diebe wohnen.“
  54. Er trug sie davon, doch nicht ins Bergamt, sondern in seine eigene Truhe.
  55. Lene stand in der dunklen Gasse, und ihre Knie zitterten. Da fiel ihr das Männlein wieder ein. Rennt nicht davon, hatte es gesagt, und sie waren gerannt, ohne ein einziges Danke.
  56. „Morgen früh gehe ich zum Hübichenstein“, sagte Lene. „Ich will Danke sagen.“
  57. „Wofür denn?“, fragte die Mutter leise. „Das Silber ist fort.“
  58. „Geschenkt hat er es uns trotzdem“, sagte Lene.
  59. Um Mitternacht stand Griffel allein am Fuß des Hübichensteins, mit Vaters Lampe, Seil und Hammer, und sogar sein Buch hatte er dabei.
  60. „In den alten Bergbüchern steht“, murmelte er zufrieden, „wenn der große Stein klein wird, verliert der Hübich seine Krone. Und beim Hämmern schläft der Alte am tiefsten.“
  61. Er wog den Hammer in der Hand. „Dann hole ich mir sein Silber. Dass keiner wieder herunterkommt, steht in keinem Buch. Geschwätz!“
  62. Dann stieg er hinauf, sein Schlüsselbund klirrte, und das Licht von Vaters Lampe kroch den Felsen hoch, bis ganz nach oben.
  63. Drittes Kapitel: Oben auf dem großen Stein.
  64. Im ersten Grau des Morgens liefen Lene und die Mutter in den Wald, das Gras war nass, und Lenes Holzschuhe rutschten.
  65. Schon von weitem hörten sie helle, harte Schläge, Eisen auf Stein, und dazwischen klirrte ein Schlüsselbund.
  66. Oben auf dem großen Stein stand Griffel und hämmerte auf die Spitze, und kleine Brocken polterten auf der anderen Seite in die Büsche.
  67. „Guten Morgen, Bergmannskind!“, rief er zufrieden herunter. „Bevor die Glocke läutet, ist die Spitze ab. Dann hat dein Hübich keine Krone mehr.“
  68. Lene legte die Hände an den Mund. „Danke, Hübich!“, rief sie. Doch genau da holte Griffel aus, und der Hammer war lauter.
  69. Ein großes Stück der Spitze brach ab und krachte hinter dem Felsen in die Büsche. Der große Stein war kleiner geworden. Und tief im Felsen schnarchte jemand. Der Hübich schlief, mitten im Hämmern.
  70. „Komm nach Hause, Lene“, sagte die Mutter leise. „Er hört uns nicht.“
  71. Lene zitterte. Gleich würde die Glocke läuten, und dann stünde Vater am Fenster, ohne Lampe und ohne seinen Namen im Buch. Und wenn die Spitze fiel, verlor der Hübich seine Krone und konnte keinem mehr helfen.
  72. Oben suchte Griffel die Stelle für den letzten Schlag. Es wurde so still, dass Lene das Schnarchen im Felsen hörte.
  73. „Trotzdem“, sagte Lene. Sie hielt ihr Katzengold hoch, ihren einzigen Schatz, und es glitzerte im Morgengrauen.
  74. Jetzt braucht Lene euch. Holt tief Luft und ruft mit ihr, lauter als der Hammer: Danke, Hübich! Wer schon im Bett liegt, ruft es unter die Decke. Das hört man unter der Erde am besten.
  75. „Danke, Hübich!“, rief Lene, und die Mutter rief mit ihr.
  76. Tief im Felsen hörte das Schnarchen auf. Dann grollte es, wie ein Bär, den man weckt.
  77. In allen Spalten gingen kleine Grubenlampen an, und dahinter blinzelten Zwerge in Bergmannskleidung. Dann trat der Hübich gähnend aus dem Stein, auf dem Kopf eine silberne Krone mit drei silbernen Tannenzapfen.
  78. Er sah zu Griffel hinauf und zog die buschigen Brauen zusammen. Dann reckte er sich. Er wuchs den ganzen Felsen hinauf, bis er Griffel genau in die Augen sah.
  79. „Wer hat dich geheißen, auf meinen Stein zu steigen?“, fragte der Hübich, und der ganze Felsen brummte.
  80. „Dein Silber, Alter“, rief Griffel und holte aus, „oder die Spitze ist ab!“
  81. Der Hübich strich sich einmal über den Bart. Da wurde der Hammer in Griffels Hand zu einem Tannenzapfen, und der machte nur leise plock am Stein.
  82. Griffel starrte den Zapfen an. Dann griff er mit beiden Händen nach dem Bart und rief: „Wer den Bart hat, hat den Zauber!“
  83. Doch der Hübich stand schon wieder klein unten am Felsen, und Griffels Hände griffen in den Morgennebel. Seine Füße klebten am Stein, als stünde er in Honig.
  84. In diesem Augenblick läutete unten in Grund die Glocke. Bald kamen die ersten Bergleute unter dem Felsen vorbei, und einer nach dem anderen blieb stehen und staunte.
  85. Griffel schlug sein Buch auf, und seine laute Stimme war ganz klein. „Was in meinem Buch steht, das gilt. Ich schreibe hinein, dass ihr keine Diebe seid, und ihr bekommt alles wieder.“
  86. „Und?“, brummte der Hübich.
  87. „Und“, sagte Griffel, „ich steige nie wieder auf deinen Stein.“
  88. „Und Vater bleibt in Ihrem Buch“, sagte Lene, und diesmal zitterten ihre Knie nicht.
  89. Die Zwerge stellten ihre kleinen Leitern aufeinander und trugen Griffel hinunter wie einen Sack Mehl.
  90. „Ich wollte Danke sagen“, sagte Lene und hielt dem Hübich ihr Katzengold hin. „Gestern sind wir weggelaufen.“
  91. Der Hübich lachte so tief, dass die Lampen der Zwerge klirrten. „Hämmern höre ich jede Nacht“, brummte er. „Aber ein Danke weckt mich.“
  92. Er zog ein Büschel Kräuter aus seinem Bart und steckte dafür das Katzengold hinein, gleich neben die Schnecke. „Tee für deinen Vater“, brummte er. „Und jetzt lasst mich schlafen.“
  93. Der Tee war bitter, aber von der Stunde an wurde der Vater gesund, Griffel brachte alles zurück, und der Brotkasten war nie wieder leer.
  94. Am nächsten Morgen, als die Glocke läutete, ging bei Lene die Tür auf. Der Vater trat in die Gasse, die blanke Lampe in der Hand, und rief sein Glück auf, lauter als alle.
  95. Einen silbernen Zapfen behielten sie zum Andenken.
  96. Den Hübichenstein gibt es wirklich, bei Bad Grund im Harz. Auf seine kleinere Spitze führt eine steile Treppe, und auf der größeren sitzt heute ein Adler aus Bronze.
  97. Klettern ist dort verboten, auch für Bergschreiber. Aber wenn ihr unten steht, sagt ruhig einmal Danke. Vielleicht verstummt dann tief im Felsen kurz das Schnarchen.

Wo ihr das heute seht

Der Hübichenstein steht gut einen Kilometer nördlich von Bad Grund an der Harzhochstraße. Eine steile Treppe führt auf die kleinere der beiden Felsnadeln mit Aussicht; auf der höheren sitzt ein großer Adler aus Bronze, der Rest eines Denkmals für Kaiser Wilhelm I. Klettern ist am Felsen seit 2007 verboten. Am 30. April wird am Fuß des Felsens Walpurgisnacht gefeiert.

Auf der Harzkarte zeigen etwa 23 km von Bad Harzburg