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Harztraveler

Harzer Sage · Weddersleben

Der Hahn und die Teufelsmauer

Wie ein einziger Hahnenschrei den Teufel um seine Mauer brachte.

Teil 1

Die Sage, wie sie überliefert ist

Nach Adalbert Kuhn und Wilhelm Schwartz, Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche, Nr. 194

Diese Fassung erzählte ein Schäfer aus Suderode, dem heutigen Bad Suderode, einem Ortsteil von Quedlinburg. Die Sagenforscher Adalbert Kuhn und Wilhelm Schwartz schrieben sie nach seiner Erzählung auf und veröffentlichten sie 1848.

Der Teufel wollte einmal die Welt mit unserem Herrn Christus teilen. Christus sollte den Harz bekommen, der Teufel selbst wollte das flache Land nehmen. Damit man die Grenze besser erkennen könne, wollte der Teufel eine Mauer dorthin bauen. Unser Herr Christus war damit zufrieden, sagte aber, vor dem Hahnenschrei müsse alles fertig sein.

Da arbeitete der Teufel kräftig, und als es gegen Morgen ging, fehlte nur noch ein einziger Stein. Den trug er gerade herbei, um ihn einzusetzen. Da krähte der Hahn. Nun warf der Teufel voller Unmut die großen Steinblöcke umher, und so liegen sie noch heute. Die Mauer ist bis zu diesem Tag unvollendet geblieben.

Zum Schluss heißt es, die Mauer laufe schnurgerade, und man könne sie in gerader Richtung von Leipzig bis zum Rhein verfolgen.

In neueren Nacherzählungen ist die Teilung umgekehrt, dort will der Teufel den Harz haben. Heinrich Pröhle veröffentlichte 1886, wie man es in Friedrichsbrunn erzählte: Der Teufel verlor, weil der Hahn dreimal krähte, bevor seine Mauer um die halbe Welt fertig war. Der Name Teufelsmauer ist aber noch viel älter: Schon 1703 schrieb der Nordhäuser Arzt Georg Henning Behrens, die Leute bei Thale sagten, der Teufel habe dort eine Mauer aus riesigen Steinen gemacht.

Teil 2

Unsere Kurzgeschichte

Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage

Kurz vor dem Morgen saß Paule, ein junger Hahn mit rostroten Federn, ganz oben auf dem Dach einer Scheune am Rand des Harzes. Die Ziegel waren kalt unter seinen Zehen, seine Federn waren nass vom Wassertrog, und über dem flachen Land wurde der Himmel grau. Jetzt musste er zum ersten Mal krähen, und er wünschte sich, dass ihn das ganze Land hörte. Die ganze Nacht hatte der Teufel hinter der Scheune eine Mauer aus Felsen gebaut, schnurgerade am Harz entlang. War sie fertig, bevor ein Hahn den Morgen ankrähte, gehörten ihm das flache Land und der Hof, und dort sollte nie wieder ein Hahn krähen. Jetzt fehlte nur noch ein einziger Stein, und den hob der Teufel gerade über die Lücke.

„Ein kluger Hahn schweigt“, hatte der Teufel ihm in der Nacht eingeredet, und Paules Hals war rau.

Paule stellte die Füße fest auf die Ziegel. Er holte Luft, bis seine Brust ganz voll war, und nahm den Kopf hoch. Dann krähte er. Einmal kratzte seine Stimme, aber Paule krähte einfach weiter, über die Wiesen und die Mauer bis hinauf in die Berge. Von fern antworteten die Hähne des ganzen Landes.

„Das gilt nicht!“, brüllte der Teufel und warf vor Wut seine Felsen durcheinander, bis keiner mehr gerade stand.

So erzählt es die Sage: Die Felsen liegen noch heute so, wie der Teufel sie geworfen hat. Bei Weddersleben nahe Thale könnt ihr die Teufelsmauer von den Wegen aus sehen. Wer die Felsen zählt, merkt, dass einer fehlt.

Teil 3

Unsere Langgeschichte zum Anhören

Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage

  1. Erstes Kapitel: Übung auf dem Misthaufen.
  2. Die Sonne stand tief über dem flachen Land, als Paule auf den Misthaufen kletterte. Hinter der Scheune stiegen die Berge des Harzes auf, schon dunkelblau.
  3. Vor dem Hoftor lagen Wiesen und Äcker bis zum Horizont, im letzten Licht rot und golden. Der Misthaufen war noch warm unter Paules Zehen, und er roch, wie ein Misthaufen eben riecht.
  4. Paule war ein junger Hahn mit langen Beinen und rostroten Federn. Sein Kamm war noch klein und kippte zur Seite, wenn Paule aufgeregt war. Jetzt kippte er schon.
  5. Oben murmelte Paule die Regel seines Vaters, so leise, dass nur die Fliegen sie hörten: „Füße fest, Brust voll, Kopf hoch.“ Dann krähte er. Es klang, als hätte sich jemand auf eine Kindertröte gesetzt.
  6. Auf dem Scheunendach drehte sich der Wetterhahn aus Blech quietschend zur Seite, als wollte er lieber nicht hinsehen.
  7. Paule ließ die Flügel hängen und sah über das flache Land. „Ich will krähen wie Vater“, flüsterte er. „So, dass mich das ganze Land hört.“
  8. Sein Vater, der alte Hahn, saß mit einer Wollsocke um den Hals auf dem Zaun. Seit heute Mittag brachte er keinen Ton mehr heraus, und aus seinem Schnabel roch es seltsam nach Pfefferminze.
  9. Sonst krähte er jeden Morgen als Erster im Land, und erst nach ihm die anderen Hähne bis nach Thale. Morgen früh war Paule dran.
  10. Unten pickte Paules große Schwester Körner. Erna war eine braune Henne mit einer weißen Feder auf dem Kopf, lauter als jeder Hahn, und sie wusste immer alles, meistens hinterher.
  11. „Was, wenn meine Stimme umkippt?“, fragte Paule, und dabei rutschte sie schon nach oben. „Und was, wenn ich verschlafe?“
  12. Gerade als die Sonne versank, fingen die Körner im Futtertrog an zu hüpfen. Von den Feldern kam ein Rumpeln, und mitten darin pfiff jemand ein fröhliches Lied.
  13. Dann fiel ein Schatten über den Hof, breit und schwer, und mit ihm kam die Kälte. Die Hühner verstummten. Sogar der Wetterhahn hörte auf zu quietschen.
  14. Am Zaun stand ein Baumeister, so groß, dass er über das Scheunendach sah. Er hatte riesige Hände, eine rußgraue Lederschürze und einen Bart voller Steinstaub. Auf einer Hand trug er einen Felsen, größer als der ganze Stall.
  15. Auf seinem Kopf saßen zwei kleine, krumme Hörner, und an einem steckte ein Bleistift.
  16. „Guten Abend, meine Damen“, sagte er, und seine Stimme war so tief und so weich, dass die Bretter am Stall summten. „Gestatten, der Teufel. Baumeister.“
  17. Mit der freien Hand spannte er eine rote Schnur hinter der Scheune am Harz entlang, bis hinter den Horizont. „Schnurgerade“, brummte er zufrieden.
  18. Dann sprach er, ganz leise und sehr freundlich: „Heute Nacht baue ich meine Mauer, hinter eurer Scheune am ganzen Harz entlang. Ist sie fertig, bevor ein Hahn den Morgen ankräht, gehört mir alles, was davor liegt.“
  19. Paule wurde kalt bis in den Kamm. Der Teufel tippte mit dem Bleistift auf den Misthaufen.
  20. „Genau hier kommt mein Steinbruch hin. Ihr zieht hinauf in die Berge, wo kein Korn wächst. Und in meinem Land kräht nie wieder ein Hahn.“
  21. „Und die Regenwürmer?“, fragte Erna, und ihre laute Stimme wurde ganz dünn.
  22. „Die auch“, sagte der Teufel. „Gekräht wird, wenn über dem flachen Land der Himmel grau wird, keinen Atemzug früher. Abgemacht ist abgemacht.“
  23. „Euer Alter hat keine Stimme mehr“, sagte er mit einem Blick zum Zaun, „und der Junge hat noch nie richtig gekräht. Kinderspiel.“
  24. Da plusterte Erna ihre Federn auf. „Unser Paule kräht morgen früh so laut, dass man es bis nach Thale hört!“, gackerte sie.
  25. Bei dem Wort „kräht“ zuckte der Teufel zusammen, nur ganz kurz. Dann lächelte er wieder.
  26. Paule dachte an die Hähne auf den anderen Höfen. Wenn er sie warnte, krähten sie morgen früh vielleicht selbst. Er rannte zum Hoftor.
  27. Paule war noch zehn Hahnenschritte vom Tor entfernt, da sauste der Felsen über den Hof und landete genau im Tor.
  28. Der Boden bebte, und als der Staub sich legte, war das Tor verschlossen. „Heute Nacht kommt keiner vom Hof“, sagte der Teufel freundlich, „und keiner auf den Hof.“
  29. „Das ist kein Tor mehr“, stellte Erna fest. „Das ist ein Stein.“
  30. Paule zitterte. Verkroch er sich im Stall, hatte der Teufel gewonnen. Blieb er wach, musste er morgen früh ganz allein krähen. Er beschloss, in dieser Nacht kein Auge zuzumachen.
  31. Hinter der Scheune, wo ihn niemand sah, zog der Teufel eine kleine Blechdose aus der Schürze. Darin klapperten Pfefferminzbonbons, und eins davon hatte der alte Hahn heute Mittag am Zaun gefunden.
  32. „Bis die Sonne aufgeht, bringt der Alte keinen Ton heraus“, murmelte der Teufel und lächelte. „Für den Jungen nehme ich zwei.“
  33. Zweites Kapitel: Ein Schlaflied für Hühner.
  34. In der Nacht wurde es kalt. Über dem Harz stand ein weißer Mond, und im Stall saßen die Hühner auf ihrer Stange, dicht an dicht.
  35. Paule saß ganz vorn an der Tür, und die Stange war so kalt, dass er abwechselnd den einen und den anderen Fuß ins Gefieder steckte.
  36. Durch einen Spalt zwischen den Brettern sah er die Mauer wachsen, erst bis zur Mühle, dann bis zum Wald, dann bis hinter den Hügel.
  37. Bei jedem Felsen hüpfte der Stall, und der Teufel zählte tief und zufrieden mit: „Vierhundertzwölf. Vierhundertdreizehn.“
  38. Um Mitternacht verstummten die Schläge. Es wurde so still, dass Paule die anderen Hühner atmen hörte. Dann kam das Pfeifen näher, und es wurde so kalt, dass die Hühner die Köpfe einzogen.
  39. „Meine Damen, es ist spät“, säuselte der Teufel vor der Stalltür. „Hühner gehen doch sonst mit den Hühnern schlafen.“
  40. „Wir sind die Hühner“, sagte Erna streng. „Und heute bleiben wir wach.“
  41. Da fing der Teufel an zu summen, so tief und so weich, dass die Stange sanft schaukelte. Dazu sang er: „Schlaf, Hahn, schlaf, der Teufel baut so brav.“ Wer bei diesem Lied einschlief, der verschlief den ganzen Morgen.
  42. Eine Henne nach der anderen steckte den Kopf unter den Flügel. Der alte Hahn schlief ohne einen Ton, nur seine Wollsocke hob und senkte sich. Am lautesten schnarchte Erna.
  43. Paules Augen fielen zu. Er riss sie auf, und sie fielen wieder zu. Die Stange schaukelte so schön und so sanft, und dann schaukelte Paule ein kleines bisschen zu weit und plumpste kopfüber in den Wassertrog.
  44. Das Wasser war eiskalt. Paule kam prustend hoch und war hellwach. Zwischen den warmen Federn der anderen würde er wieder einschlafen.
  45. Also blieb er am Trog stehen, und jedes Mal, wenn ihm die Augen zufielen, stellte er einen Fuß ins kalte Wasser.
  46. So blieb Paule wach. Aber er war nass bis in die letzte Feder, er zitterte, und im Hals fing es an zu kratzen.
  47. Als draußen die Schläge wieder anfingen, weckte Paule Erna, denn allein wollte er nicht hinaus. Vom Scheunendach aus würde er das erste Grau am Himmel sehen.
  48. Die Stalltür war zu, aber Erna kannte ein Loch hinter dem Futtertrog.
  49. „Woher kennst du das Loch?“, fragte Paule.
  50. Erna schwieg einen Augenblick. „Salat“, sagte sie dann.
  51. Sie krochen hinaus und kletterten über den Holzstapel ganz nach oben aufs Scheunendach, neben den Wetterhahn. Von dort sah Paule die Mauer, schwarz und schnurgerade am Harz entlang, und viel fehlte nicht mehr.
  52. Plötzlich stand der Teufel unten an der Scheune, so groß, dass sein Kopf bis an die Dachrinne reichte. „Da ist ja unser Sänger“, sagte er freundlich und hielt die kleine Blechdose hoch.
  53. „Deine Stimme wackelt, das habe ich gehört. Ein Pfefferminz, und sie wackelt nie wieder.“
  54. Erna starrte die Dose an. „Nimm es!“, rief sie und schüttelte sich gleich darauf. „Ich meine: Nimm es nicht, Paule!“
  55. Paule streckte schon den Hals vor, denn genau davor hatte er Angst. Doch dann wehte ihm Pfefferminzduft entgegen, und er dachte an den Schnabel seines Vaters, der seit Mittag nach Pfefferminz roch. Paule zog den Kopf zurück.
  56. „Nicht abgemacht“, sagte er, und seine Stimme rutschte nur ein kleines bisschen nach oben.
  57. Da verschwand das Lächeln aus dem Gesicht des Teufels. Er richtete sich auf, bis sein Schatten den ganzen Hof zudeckte, und seine weiche Stimme wurde kalt und ganz leise.
  58. „Dann eben anders. Sobald meine Mauer steht, trage ich euren Stall in die Berge, mit allem, was darin schläft.“
  59. Paule wollte ihm zeigen, dass er krähen konnte. Er stellte die Füße fest auf die Ziegel, holte Luft und nahm den Kopf hoch. Doch sein Hals war vom kalten Wasser rau, und heraus kam nur ein Krächzen.
  60. „Siehst du“, sagte der Teufel sanft. „Ein kluger Hahn schweigt.“ Pfeifend ging er zurück an seine Mauer.
  61. Paule zog den Kopf zwischen die Flügel. „Ich kann es nicht“, flüsterte er. Diesmal sagte sogar Erna nichts.
  62. Über dem flachen Land wurde der Himmel ein kleines bisschen grau. Jetzt durfte gekräht werden.
  63. Unten an der Mauer rief der Teufel, dass die Ziegel klirrten: „Nur noch ein einziger Stein! Den schönsten habe ich mir für den Schluss aufgehoben.“ Er stapfte davon, um ihn zu holen.
  64. Drittes Kapitel: Der letzte Stein.
  65. Kurz vor dem Morgen war es oben auf dem Scheunendach am kältesten. Paules nasse Federn klebten ihm am Leib, und der Wind roch nach feuchter Erde.
  66. Hinter der Scheune stand die Mauer, fertig bis auf eine einzige Lücke, wie eine Zahnlücke.
  67. Unten lag der Stall, den der Teufel wegtragen wollte, und daneben der Misthaufen, wo der Steinbruch hinkommen sollte. Das Hoftor war zu. Nichts rührte sich. Kein Vogel sang.
  68. Paule fror, sein Hals war rau, und sein Kamm hing ihm schief ins Auge. Krähte er, kam vielleicht nur ein Krächzen, und das ganze Land lachte.
  69. Krähte er nicht, gehörte alles dem Teufel, und nie wieder würde hier ein Hahn krähen.
  70. Erna rückte dicht an ihn heran, bis ihre Federn ihn wärmten. Dann sprach sie so leise, wie sie noch nie gesprochen hatte: „Mein erstes Ei war so klein wie eine Kirsche und hatte eine Delle. Der ganze Hof hat gelacht.“
  71. „Und dann?“, fragte Paule.
  72. „Am nächsten Tag kam das nächste“, sagte Erna. „Das war schon fast rund.“
  73. Paule musste lachen, und dabei wurde sein Hals ein bisschen weiter. Er stand auf. „Dann kräht heute eben ein schiefer Hahn“, sagte er, und diesmal blieb seine Stimme, wo sie war.
  74. Da kam der Teufel mit dem letzten Stein zurück, einem glatten, runden Felsen, und polierte ihn an seiner Schürze.
  75. „Meine Damen und Herren Hähne“, rief er, „jetzt sehen Sie, wie ein Meister den letzten Stein setzt!“ Er hob den Felsen über den Kopf, langsam, ganz langsam, damit alle gut zusahen.
  76. Oben auf dem Dach stellte Paule die Füße fest auf die kalten Ziegel. Er holte Luft, bis seine Brust ganz voll war. Dann dachte er: Und wenn es wackelt, dann wackelt es eben.
  77. Jetzt sah ihn der Teufel. Das Lächeln verschwand. Er senkte den Stein mit einer Hand rasch auf die Lücke und griff mit der anderen nach Paules Schwanzfedern.
  78. Doch er sah dabei nur auf seinen schönen Stein, und seine riesige Hand schloss sich um den Wetterhahn aus Blech.
  79. Macht es wie Paule. Steht auf, wer kann: Füße fest auf den Boden, tief Luft holen, Kopf hoch. Und dann kräht mit ihm, alle zusammen, so laut ihr könnt! Wer schon im Bett liegt, kräht ins Kissen.
  80. Paule krähte. Der Schrei fing ganz unten an, in den kalten Zehen. Er stieg durch den Bauch und durch die volle Brust, und im rauen Hals kratzte er einmal, ganz kurz. Paule krähte einfach weiter.
  81. Der Schrei rollte über den Hof und die Mauer bis hinauf in die Berge, und der Stein hing noch eine Handbreit über der Lücke. Im selben Augenblick ging über dem flachen Land die Sonne auf.
  82. Ihr erstes Licht fiel auf Paules Schwanzfedern, und sie schimmerten türkis. Sein Kamm stand kerzengerade.
  83. Von weit her antwortete ein Hahn, dann noch einer, bis nach Thale. Auch im Stall krähte der alte Hahn mit, denn mit der Sonne war seine Stimme zurückgekommen. Das ganze Land hatte Paule gehört.
  84. Der Teufel stand da, in der einen Hand den Wetterhahn, in der anderen den letzten Stein, und rührte sich nicht. „Das gilt nicht!“, brüllte er, und seine Stimme war auf einmal gar nicht mehr sanft und leise.
  85. „Der Stein war schon fast drin!“
  86. „Fast ist nicht drin“, gackerte Erna. „Abgemacht ist abgemacht.“
  87. Da ließ der Teufel den Wetterhahn los und stampfte auf, dass der Hof bebte. Mit der freien Hand warf er die Felsen seiner Mauer durcheinander, kreuz und quer. Zuletzt riss er auch den Felsen aus dem Hoftor.
  88. Keiner traf den Hof, denn sogar in seiner größten Wut warf der Teufel genau. Als er fertig war, wurde es still. Von der schnurgeraden Mauer war nur eine lange Reihe schiefer Felsen übrig.
  89. Zur Beruhigung stopfte sich der Teufel eine Handvoll Pfefferminzbonbons in den Mund. Er wollte noch einmal „Das gilt nicht“ brüllen, doch heraus kam nur ein Krächzen. Grummelnd stapfte er davon, den letzten Stein unter dem Arm.
  90. „Hab ich doch gleich gesagt“, gackerte Erna. Und diesmal stimmte es sogar.
  91. Die Teufelsmauer gibt es wirklich. Bei Weddersleben nahe Thale steht ihre lange Reihe schiefer Felsen noch heute. So erzählt es die Sage: Genau so hat der Teufel sie geworfen.
  92. Klettern darf dort niemand, nicht einmal ein Hahn, denn in den Felsen brütet der Uhu. Bleibt auf den Wegen und zählt die Felsen von unten. Einer fehlt, das wisst ihr ja.
  93. Den hat der Teufel mitgenommen. Er sitzt bis heute darauf und grummelt, und jeden Morgen, wenn die Hähne krähen, hält er sich die Ohren zu.

Wo ihr das heute seht

Bei Weddersleben nahe Thale steht die Teufelsmauer als Reihe steil aufgestellter Felsen aus hartem Sandstein, der sich einst im Meer der Kreidezeit abgelagert hat; bekannt sind der Königstein und die Mittelsteine. Seit 1935 ist sie Naturschutzgebiet, heute „Teufelsmauer und Bode nordöstlich Thale“. Klettern ist dort verboten, die Wege darf man nicht verlassen, und in den Felsen brütet der Uhu.

Auf der Harzkarte zeigen etwa 21 km von Wernigerode