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Harztraveler

Harzer Sage · Brocken

Walpurgisnacht auf dem Brocken

Das große Hexenfest in der Nacht zum ersten Mai.

Teil 1

Die Sage, wie sie überliefert ist

Nach Friedrich Gottschalck, „Der Hexentanz auf dem Brocken“ (1814), und Heinrich Pröhle, Unterharzische Sagen (1856), Nr. 310 und 312

Im Harz gibt es einen hohen, hohen Berg, den Brocken. Wenn von Zauberei die Rede ist, heißt er auch der Blocksberg. Auf seinem kahlen Gipfel, der mit hunderttausend Millionen Felsstücken übersät ist, treffen sich jedes Jahr in der Nacht vom letzten April auf den ersten Mai die Hexen und Zauberer der ganzen Erde. Diese Nacht heißt Walpurgisnacht, im Harz sagte man auch Wolpersnacht. Gastgeber ist in der alten Erzählung der Teufel.

Sobald Mitternacht vorüber ist, kommen sie von allen Seiten durch die Luft geritten, auf Ofengabeln, Besen und Mistgabeln und auf gehörnten Ziegenböcken. Im Harz erzählte man, dass sie auch auf Butterfässern zum Brocken reiten. Oben tanzen sie um ein hoch loderndes Feuer und jauchzen, und dabei, so hieß es dort, tanzen die Hexen den Schnee auf dem Brocken weg. Zwei Felsen auf dem Gipfel heißen bis heute Teufelskanzel und Hexenaltar. Mit dem ersten Morgenrot stieben sie in alle Himmelsrichtungen davon.

Damit die Hexen auf ihrer Reise weder Menschen noch Vieh schaden, malen die Leute in den Orten um den Brocken vor der Walpurgisnacht drei Kreuze an die Türen ihrer Häuser und Ställe.

Einmal wollte ein junger Bursche die Hexen vorbeiziehen sehen. In der Mainacht, wie man die Walpurgisnacht auch nannte, setzte er sich an einen Kreuzweg. Er machte sich einen Kranz um Kopf und Leib und umwand sich über und über mit Dost und Baldrian. Die Hexen kamen auf Enten und Gänsen, sie rutschten in hölzernen Mulden heran und ritten auf Ofengabeln und Mistgabeln. Zuletzt kam die oberste Hexe und sagte zu ihm, ohne seinen Dost und Baldrian hätte sie ihm übel mitgespielt.

Teil 2

Unsere Kurzgeschichte

Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage

Im Osten wurde der Himmel schon grau, als Salvia, die Brockenhexe, in nassen Schuhen neben der Glut stand. In der Walpurgisnacht sollten ihre Gäste den Schnee vom Brocken tanzen, doch er reichte ihr noch immer bis ans Knie. Salvia wünschte sich nichts mehr, als dass er vor dem Morgenrot verschwand.

Auf dem höchsten Felsen saß die Oberste, die älteste aller Hexen, auf ihrem schwarzen Bock mit dem silbernen Glöckchen. „Liegt beim Morgenrot noch Schnee, gehört der Berg mir“, sagte sie sanft. „Dann fliegst du fort, Gastgeberin. Und der Junge dort wird mein Ziegenbock, ein ganzes Jahr lang.“

Der Junge hieß Jakob. Er hatte heimlich zugeschaut, und sein Kranz aus Dost und Baldrian war fast aufgefressen. Doch aus seiner Tasche ragte eine frische Weidenpfeife, und Salvia roch den Frühling darin.

Sonst sagte sie immer: „Schuhe aus, Füße hoch, der Tee kommt geflogen!“ Heute rief sie: „Schuhe an, Füße hoch, jetzt wird getanzt!“

Jakob pfiff, und alle Böcke sprangen so hoch wie eine Stube, auch der Bock der Obersten. Sie griff nach Jakob und griff ins Leere, und schon saß sie im Schnee, der unter den stampfenden Füßen zu Wasser wurde. Zum ersten Mal tanzte auch Salvia mit.

Mit dem Morgenrot lag kein Schnee mehr auf dem Brocken, und die Oberste musste im Butterfass nach Hause fahren. Am Brockenrundweg heißen zwei Granitfelsen bis heute Teufelskanzel und Hexenaltar, und die Brockenbahn fährt von Wernigerode hinauf.

Teil 3

Unsere Langgeschichte zum Anhören

Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage

  1. Erstes Kapitel: Der Besen hat Schluckauf.
  2. Am letzten Tag im April hing der Nebel so dicht um den Brocken, dass Salvia ihre Schuhspitzen kaum sah. Zwischen den großen, runden Granitblöcken lag noch alter Schnee, grau und so hart, dass er bei jedem Schritt knirschte.
  3. Salvia war die Brockenhexe, groß und schlank, mit einem hohen, spitzen Hut, um den ein türkisfarbenes Band lief. Ihr langes, pflaumenviolettes Haar wehte ihr ins Gesicht, während sie den Tanzplatz fegte, und ihr Besen brummte zufrieden.
  4. Ihre Finger waren rot vor Kälte, und von der Hutkrempe tropfte der Nebel.
  5. Heute Nacht war Walpurgisnacht, und Salvia war die Gastgeberin. Nach Mitternacht kamen die Gäste von allen Seiten und tanzten ums Feuer, bis der Schnee vom Brocken verschwunden war. Aber dieses Jahr reichte ihr der Schnee bis ans Knie.
  6. Unter dem großen Felsen lag ihr trockenes Holz, für den Notfall.
  7. Salvia sah den Schnee an wie einen Gast, der einfach nicht nach Hause gehen wollte. „Du warst lange genug hier“, sagte sie mit ihrer warmen, dunklen Stimme, so entschlossen, dass der Besen lauter brummte.
  8. „Heute Nacht tanzen wir dich weg.“
  9. Da klingelte es im Nebel, hell und langsam, und es kam näher. Der Besen verstummte.
  10. Aus dem Nebel stieg ein riesiger schwarzer Ziegenbock mit einem silbernen Glöckchen am Horn. Auf seinem Rücken saß eine Hexe, kerzengerade und still, mit einem hohen, steifen Hut und weißen Handschuhen, an denen kein Tropfen Nebel hing.
  11. Das war die Oberste, die älteste aller Hexen.
  12. „Nun, Gastgeberin“, sagte die Oberste, und ihre Stimme war so süß und so langsam, dass Salvia beinahe genickt hätte. „Du kennst die alte Regel. Liegt beim Morgenrot noch Schnee auf dem Brocken, dann gehört der Berg mir.“
  13. „Dann sitze ich hier oben“, sagte sie, „und trinke deinen Tee. Und du fliegst fort, mit Besen und Kanne, und kommst nie wieder. Du darfst natürlich auch bleiben, als meine Teeköchin.“
  14. „Teeköchin bin ich schon“, antwortete Salvia. „Aber auf meinem eigenen Fest.“ Sie setzte den Besen an, und er saugte Schnee in seine Borsten, bis er dick und rund war.
  15. „Halt“, sagte die Oberste zum Besen, ganz sanft.
  16. Und Salvias eigener Besen gehorchte ihr. Er blieb mitten in der Luft stehen, bekam Schluckauf und nieste.
  17. Der ganze Schnee flog wieder heraus, genau über Salvia. Danach war der Tanzplatz so weiß wie vorher. Salvia war es jetzt auch, vom Hut bis zu den Schuhen.
  18. „Bis heute Nacht, Gastgeberin“, sagte die Oberste. „Ich komme, wie es sich gehört, als Letzte.“ Dann verschluckte der Nebel das Glöckchen.
  19. Schnee lief Salvia kalt in den Kragen, und in ihren Schuhen stand das Wasser.
  20. Noch einmal saugen? Dann gehorchte der Besen wieder der Obersten. Auf die Sonne warten? Dann gehörte der Berg morgen ihr. Nein, das schaffte nur ein großer Tanz vor dem Morgenrot.
  21. Getanzt hatte Salvia übrigens noch nie. Irgendwer musste ja den Tee eingießen.
  22. Unten im Dorf schien noch die warme Abendsonne, und es roch nach nasser Erde und nach Ziegen.
  23. Jakob war neun Jahre alt und hütete die Ziegen des Dorfes. Er hatte Heu im Haar und in der Tasche eine frische Weidenpfeife.
  24. Er blies zwei Töne, einen hohen und einen tiefen, und von der Wiese kamen die Ziegen gerannt.
  25. Die Großmutter malte mit Kreide drei Kreuze an die Haustür und drei an die Stalltür, damit die Hexen in dieser Nacht vorbeiflogen.
  26. „Drei und drei macht sechs“, zählte Jakob leise.
  27. „Wie fliegt eigentlich eine Ziege?“, fragte er die älteste Ziege und kraulte ihr den Bart.
  28. Die Ziege fraß nur ein Stück von seinem Ärmel.
  29. In der Nacht, als die Großmutter schlief, holte Jakob Dost und Baldrian vom Dachboden. Er flocht sich einen Kranz um den Kopf und wickelte den Rest um Arme und Bauch, bis er wie ein Busch aussah.
  30. Der Baldrian roch wie Socken nach einer langen Wanderung. Gegen Hexen sollte er helfen. Gegen Nasen half er bestimmt.
  31. An der Tür dachte Jakob: Nur ganz kurz gucken, und vor dem Morgen liege ich wieder unter der Decke.
  32. Am Kreuzweg über dem Dorf, wo sich zwei Wege kreuzten, hockte er sich zwischen die Büsche und war jetzt einer davon.
  33. Genau um Mitternacht rauschte es über ihm. Und weit hinten klingelte ein Glöckchen.
  34. Zweites Kapitel: Ein Busch fliegt mit.
  35. Um Mitternacht standen die Sterne hell über dem Kreuzweg, und Jakobs Finger waren so kalt, dass er sie kaum noch krumm bekam. Am Hals kratzten die trockenen Kräuter.
  36. Weit oben ragte der Brocken schwarz in die Nacht, mit einer weißen Kappe aus Schnee. Über ihm rauschte es, erst von einer Seite, dann von allen, und dazwischen schnatterte, meckerte und klirrte es.
  37. „Sie kommen“, flüsterte Jakob so leise, dass nicht einmal die Büsche neben ihm es hörten.
  38. Zählt mit Jakob an den Fingern mit, womit die Hexen flogen!
  39. Zuerst kamen Hexen auf Besen, dann auf Ofengabeln und auf Mistgabeln, die roch Jakob schon von weitem. Dann kamen Ziegenböcke, die einfach durch die Luft liefen. So flog also eine Ziege.
  40. Zuletzt kamen Enten, Gänse und Mulden, große Holztröge, die mit Kochlöffeln gerudert wurden.
  41. Wie viele Finger habt ihr gebraucht?
  42. Jakob brauchte sieben. Dann wurde es still über dem Kreuzweg. Nur ein Glöckchen klingelte, hell und langsam, und der schwarze Bock landete so dicht vor Jakobs Busch, dass die Erde bebte.
  43. „Baldrian“, sagte die Oberste, so leise und so süß, dass Jakob die Zehen in den Schuhen einrollte. „Und darunter ein Menschenjunge.“
  44. „Hättest du nicht Dost und Baldrian“, sagte sie, „ich würde dir übel mitspielen. Wer uns zusieht, wird mein Ziegenbock, ein ganzes Jahr lang.“ Sie lächelte. „Aber Ziegen fressen alles.“
  45. Dann sprang der schwarze Bock dem Brocken zu.
  46. Jakob zitterte. Allein nach Hause laufen, durch eine Nacht voller Hexen? Er blieb lieber ein Busch.
  47. Nach der Letzten kam noch eine. Zuerst hörte Jakob ein Gluckern und Klappern, dann roch er frische Sahne, und dann schlingerte ein Butterfass heran und krachte mitten in die Büsche.
  48. Auf dem Fass saß eine Hexe mit einem rot und weiß karierten Kopftuch, den Butterstampfer in der Hand. Das war Ottilie, zu spät wie jedes Jahr.
  49. „Verzeihung, Herr Busch“, sagte sie zu Jakob, mit einer hohen, atemlosen Stimme, in der jedes Wort ein bisschen wackelte. Jakob sagte nichts. Er war ja ein Busch.
  50. Ottilie zog am Stampfer, das Fass ruckte hoch, und der Stiel verhakte sich in Jakobs Kranz. Jakob klammerte sich an das Fass und flog mit. Er zählte, um nicht zu schreien, und kam bis zweihundertdrei.
  51. Auf dem Brocken qualmte schon das Feuer, und auf dem höchsten Felsen stand die Oberste neben ihrem schwarzen Bock. Ottilie schlitterte bis vor Salvias Füße.
  52. „Ottilie, meine Liebe“, rief Salvia und breitete die Arme aus. „Schuhe aus, Füße hoch, der Tee kommt geflogen!“
  53. Da kam schon der Besen mit der Teekanne geflogen und goss Ottilie den größten Becher voll. Ottilie entdeckte den Busch an ihrem Fass und strahlte. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte sie. „Einen Busch!“
  54. Salvia roch daran. „Dost und Baldrian“, sagte sie. „Sehr gut getrocknet.“ Dann stellte sie den Busch auf einen Felsen am Rand, zum Bewundern.
  55. Der Tanz begann, doch der Schnee knirschte nur und schmolz nicht.
  56. „Leg dich“, sagte die Oberste zum Feuer, so sanft, als spräche sie mit einem Hund. Und das Feuer legte sich hin, Flamme für Flamme, bis nur noch Glut übrig war.
  57. Die Gäste bibberten. Da tat Salvia, was sie immer tat, wenn Gäste froren. „Schuhe aus, Füße hoch, der Tee kommt geflogen!“, rief sie, so herzlich wie immer.
  58. Alle setzten sich um die Glut, zogen die Schuhe aus und legten die Füße hoch. Das Fest war jetzt sehr gemütlich. Nur getanzt wurde nicht mehr. Oben auf ihrem Felsen lächelte die Oberste.
  59. Die halbe Nacht war schon vorbei, und in Salvias nassen Schuhen froren die Zehen. Noch mehr Tee? Dann saßen die Gäste nur noch fester.
  60. Da fiel Salvia ihr trockenes Holz ein, und sie lief los, um es zu holen.
  61. Kaum war Salvia hinter dem Felsen verschwunden, beugte sich die Oberste zu ihrem Bock hinunter. „Siehst du den Busch dort?“, flüsterte sie. „Friss ihn. Ganz langsam, Blatt für Blatt.“
  62. Der schwarze Bock stakste zu Jakobs Felsen und knabberte ein Blatt Dost ab, dann noch eins, und bei jedem Bissen klingelte sein Glöckchen. Er fraß sich höher bis zum Baldrian, und sein Bart kitzelte Jakob am Ohr.
  63. Jakob presste die Lippen zusammen und zählte. Eins, zwei, drei.
  64. Es half nichts. Jakob kicherte.
  65. Oben auf ihrem Felsen richtete sich die Oberste auf. „Ein Mensch“, sagte sie, so deutlich, dass es jeder hörte. „Mitten auf unserem Fest.“
  66. Drittes Kapitel: Musik für Ziegen.
  67. Im Osten wurde der Himmel schon grau, und der Schnee lag so dick da wie am Nachmittag. Mit dem Arm voll Holz und eiskalten Zehen kam Salvia hinter dem Felsen hervor. Sie kam zu spät.
  68. Die Gäste zogen so hastig ihre Schuhe an, dass sich die Schnürsenkel verknoteten. Mitten im Durcheinander stand Jakob mit dem letzten Stängel seines Kranzes, und seine Knie zitterten.
  69. „Ein Hirtenjunge ohne Kräuter“, sagte die Oberste sanft. „Beim Morgenrot wirst du selbst ein Bock, vor aller Augen, wie es sich gehört.“
  70. Wissen, wie eine Ziege fliegt, das hatte Jakob gewollt. Aber doch nicht so.
  71. Der schwarze Bock drückte ihm den warmen Kopf in die Hand, bis die Oberste „Hierher“ sagte. Er gehorchte, aber langsam.
  72. Salvia kniete sich vor Jakob in den Schnee. „Weiß zu Hause jemand, wo du bist?“, fragte sie leise.
  73. „Nein“, flüsterte Jakob. „Nur die Ziegen.“
  74. Er dachte an die Großmutter, die schlief und nichts wusste. Salvia sah die Oberste schon hier oben mit ihrem Tee. Hielt sie die Gäste fest, froren sie nur. Ließ sie alle fliegen, war der Berg verloren.
  75. Dann wurde es still auf dem Brocken. Sogar die Gänse schwiegen. Nur das Glöckchen am Horn des schwarzen Bocks klingelte einmal, ganz leise.
  76. Da roch Salvia etwas Frisches und Grünes. Aus Jakobs Tasche ragte die Weidenpfeife. „Die ist von heute“, sagte Salvia. „Da ist Frühling drin.“
  77. „Wenn ich pfeife“, murmelte Jakob, „kommen die Ziegen.“
  78. Salvia stellte ihre Teekanne in den Schnee und ließ sie stehen. Dann stellte sie sich vor den Jungen.
  79. „Meine Lieben“, rief sie so laut, dass die Gäste stehen blieben, „der Junge ist mein Gast. Schuhe an, Füße hoch, jetzt wird getanzt!“
  80. So etwas hatten die Gäste noch nie gehört. Aber die Schuhe hatten sie ja schon an.
  81. Die Oberste lachte leise. „Ein Weidenpfeifchen“, sagte sie. „Spiel nur, kleiner Hirte.“
  82. Jakob hob die Pfeife an den Mund. Seine Finger zitterten, aber er zählte bis drei und pfiff einen hohen Ton und einen tiefen, wie abends auf der Wiese.
  83. Einen Atemzug lang geschah nichts. Dann stellte der schwarze Bock die Ohren auf.
  84. „Steh“, befahl die Oberste.
  85. Zum ersten Mal gehorchte ihr Bock nicht. Er sprang so hoch wie eine Stube, und alle Böcke sprangen mit.
  86. Die Oberste griff mit ihrer weißen Hand nach Jakobs Kragen. Da schwang ihr Bock im Sprung herum, sein Hinterteil stieß sie an, und ihre Hand griff ins Leere. Mit einem nassen Plumps saß sie im Schnee.
  87. Enten und Gänse schlugen mit den Flügeln den Takt, und Ottilie trommelte auf ihr Butterfass, zu spät wie immer, aber genau im Takt. Die Besen fächelten die Glut an, bis Salvias Holz Feuer fing.
  88. Mitten im Kreis tanzte Salvia, zum ersten Mal auf ihrem eigenen Fest.
  89. „Gleich ist Morgenrot“, sagte die Oberste. „Und noch liegt der Schnee.“
  90. Jetzt braucht Salvia eure Füße. Zweimal stampfen, ein Knie hoch, das andere Knie hoch, und dazu ruft ihr: Schuhe an, Füße hoch, Schnee ade! Wer schon im Bett liegt, stampft mit den Fingern auf die Bettdecke.
  91. Unter den stampfenden Füßen bekam der Schnee Risse. Er wurde weich wie Grießbrei, bei jedem Schritt spritzte es, und die Oberste saß mittendrin.
  92. In hundert kleinen Bächen gluckerte das Wasser den Berg hinunter, dem Frühling entgegen.
  93. Genau da wurde der Himmel im Osten rot, und auf dem Gipfel lag kein Schnee mehr, nur nasses Gras und dunkle Steine. Der Berg blieb Salvias.
  94. Vom steifen Hut der Obersten tropfte Grießbrei, und ihr Bock ließ sich lieber von Jakob den Bart kraulen. Mit dem Morgenrot stoben alle Gäste davon, in alle Himmelsrichtungen. Ottilie landete neben der Obersten.
  95. „Verzeihung“, sagte sie höflich, „darf ich Sie mitnehmen?“
  96. So fuhr die Oberste im Butterfass heim, in den ersten warmen Sonnenstrahl, und zum ersten Mal in ihrem Leben kam sie zu spät.
  97. Salvia flog Jakob heim und hielt am Gartenzaun, denn vor einer Tür mit drei Kreuzen landete keine Hexe. Sie steckte ihm einen Zweig Salbei hinters Ohr. „Salbei hilft gegen alles“, sagte sie, „außer gegen Heimweh.“
  98. Heimweh hatte Jakob keins. Am Zaun stand die Großmutter, ihr Tuch um die Schultern. Sie hatte sein Bett leer gefunden. Sie sagte nichts und hielt ihn nur fest.
  99. Als Jakob sich umdrehte, war Salvia fort, und im Stall bimmelte ein silbernes Glöckchen.
  100. Der Brocken ist der höchste Berg in Norddeutschland und steckt an mehr als dreihundert Tagen im Jahr im Nebel. Am Brockenrundweg liegen zwei Granitfelsen, die bis heute Teufelskanzel und Hexenaltar heißen.
  101. Hinauf fährt die Brockenbahn von Wernigerode, oder ihr wandert von Schierke aus.
  102. Im Nationalpark bleibt ihr auf den Wegen, und Feuer und Feuerwerk sind verboten. Hexen seht ihr heute auf den Walpurgisfesten in mehr als zwanzig Orten im Harz, am schönsten mit euren Großen.
  103. Und wenn der Brocken im Nebel steckt, kocht Salvia gerade Tee, glaube ich. An mehr als dreihundert Tagen im Jahr hat sie nämlich Gäste.

Wo ihr das heute seht

Auf den Brocken fährt die Brockenbahn ab Wernigerode, oder ihr wandert hinauf, zum Beispiel von Schierke. Gefeiert wird die Walpurgisnacht heute in mehr als 20 Orten im Harz, etwa in Thale, Schierke, Braunlage und Sankt Andreasberg.

Auf der Harzkarte zeigen etwa 11 km von Bad Harzburg