Harzer Sage · Wildemann
Der Wilde Mann von Wildemann
Wie ein Wilder Mann einer Bergstadt ihren Namen gab.
Teil 1
Die Sage, wie sie überliefert ist
Nach August Ey, Harzmärchenbuch oder Sagen und Märchen aus dem Oberharze (1862), „Wildemann“
Als die ersten Bergleute in den Harz kamen, suchten sie von Zellerfeld aus nach Erz und kamen ins Tal der Innerste, wo heute Wildemann liegt. Das Hochwasser der Innerste hatte Gänge freigespült, also Adern im Gestein. Dabei fanden sie im Schlamm eine Menschenspur, obwohl sie meinten, außer ihnen lebe niemand im Harz.
Bald sahen sie nahe den Gängen einen Mann und seine Frau. Beide trugen nur Mooskappen auf dem Kopf und einen Gürtel aus Laub. Der Mann war groß und stark, hatte einen langen, dicken Bart und trug einen Tannenbaum, den er auch als Waffe gebrauchte. Die beiden konnten furchtbar schnell laufen. Kamen die Bergleute näher, rannten sie fort, und wenn man sie rief, verstanden sie es nicht.
Die Bergleute meldeten es ihrem Herrn, dem Herzog von Braunschweig. Er ließ sagen, man solle die wilden Menschen fangen, sie aber am Leben lassen und nach Braunschweig schicken. Lange misslang es. Schließlich verwundeten sie den Mann so, dass er nicht mehr fortkonnte, und fingen ihn. Er sprach kein Wort, aß nichts und sah immer nur zu den Gängen hin, in denen bis dahin kein Erz steckte. Man schickte ihn zum Herzog nach Braunschweig, doch unterwegs starb er.
An dem Tag, an dem die Nachricht von seinem Tod kam, gruben die Bergleute an der Innerste das erste Erz, reich an Silber. Sie meinten, der wilde Mann habe die Gänge leer gehalten, solange er lebte. Zum Andenken pflanzten sie dort, wo sie ihn gefangen hatten, eine Linde, bauten ihre Häuser, nannten den Ort Wildemann und nahmen sein Bild in das Stadtsiegel auf. Was aus der Frau wurde, erzählt Ey nicht.
In einer Fassung von 1848 begegnet Kaiser Heinrich hier dem wilden Mann mit der Tanne, und bei Heinrich Pröhle ist er ein Räuber aus Thüringen, dessen Höhle dort lag, wo heute das Rathaus steht.
Teil 2
Unsere Kurzgeschichte
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage
Der Mond schob sich über den Kamm, als Grete oben am Hang über der Innerste hinter einer Wurzel kauerte, um den Wilden Mann zu warnen. Das Moos unter ihren Knien war nass und kalt. Grete war zehn und mit ihrer Familie aus dem Erzgebirge gekommen, und sie wünschte sich ein Bett, das nicht wackelt. Doch am Bach hingen Schlingen zwischen jungen Tannen, und hinter einem Felsen wartete der Vogt des Herzogs auf seinem Pferd. Er wollte den Wilden Mann im Käfig nach Braunschweig bringen, und wer ihn warnte, dessen Familie musste weiterziehen.
Da knarrte es zwischen den Tannen, und Tanno kam heraus, ein Riese aus Moos mit einer jungen Tanne als Stab. Langsam ging er auf die Schlingen zu, und kein Eichhörnchen war wach, das ihn warnte.
Dann eben ich, dachte Grete und schimpfte wie ein Eichhörnchen, so laut sie konnte. Tanno blieb stehen, einen Fuß in der Luft, kurz vor der ersten Schlinge.
Ungeduldig sprang der Vogt aus dem Sattel und brüllte: „Den Wilden Mann fange ich selbst!“ Er rannte an seinen Schlingen vorbei, mitten in den Schlamm, und blieb bis an seinen blanken Panzer stecken.
Tanno kniete sich vor Grete hin und sprach ganz langsam: „Wer langsam geht, sieht mehr Wald.“ Dann zog er an einem grauen Felsen das Moos herunter wie eine Decke, und als Gretes Vater dort mit dem Hammer anschlug, glitzerte der Stein im Mondlicht silbern.
Die Bergleute fanden dort Silber und blieben, und so erzählt es die Sage: Nach dem Wilden Mann heißt ihr Ort Wildemann. Vor dem alten Rathaus stehen heute eine alte Linde und der Wilde Mann aus Bronze.
Teil 3
Unsere Langgeschichte zum Anhören
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage
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- Erstes Kapitel: Die Spur im Schlamm.
- Am späten Nachmittag hörte der Regen endlich auf, und während die Wagen der Bergleute hinunter ins Tal der Innerste rumpelten, hoffte Grete, dass dieses Tal das letzte ihrer langen Reise sein würde. Der Schlamm reichte den Ochsen bis an die Knie. An den steilen Hängen wuchsen dunkle Tannen dicht an dicht bis hinauf zum Kamm, wo ihre Spitzen so eng standen wie die Zinken eines Kamms. Unten wälzte sich die Innerste vorbei, braun und schnell vom Hochwasser. Hier wohnte niemand.
- Grete ging als Letzte, wie immer, mit kalten, nassen Füßen und einem türkisfarbenen Schal, den ihre Großmutter im Erzgebirge für sie gestrickt hatte, drei Ellen lang. Eine Elle reichte vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen, so hatte es die Großmutter beim Stricken an ihrem eigenen Arm gezeigt, und drei davon waren für ein Mädchen von zehn Jahren eindeutig zu viel. Beim Abschied hatte die Großmutter ihr den Schal trotzdem zweimal um den Hals geschlungen und lächelnd gesagt: „Da wächst du schon noch rein.“
- Von vorn, wo der erste Wagen schon wieder im Schlamm feststeckte, rief der Vater so laut, dass seine Stimme sogar gegen die Innerste ankam: „Grete! Nicht trödeln!“
- Grete trödelte nicht, sie guckte, und das war ein großer Unterschied, den ihr bloß leider niemand glaubte. Sie formte die Hände zu einem Trichter und rief zurück: „Ich trödel nicht! Ich guck!“
- Da rief der Vater noch lauter: „Dann guck, wo du hintrittst!“
- Als sie aufgeholt hatte, stand der Vater an einem grauen Felsen, den das Hochwasser am Ufer freigespült hatte. Er klopfte mit dem Schlägel, seinem kurzen, schweren Hammer, zweimal gegen die eigene Handfläche. Das tat er jedes Mal, bevor er etwas Wichtiges tat, und dann störte man ihn besser nicht. Er suchte einen Gang, das wusste sie, einen Streifen aus anderem Gestein, der sich quer durch den Fels zog, denn nur in so einem Gang steckte Silber.
- Bedächtig setzte der Vater das Eisen an, einen spitzen Keil mit Stiel, schlug einmal kräftig mit dem Schlägel darauf und legte das Ohr an den Stein, während das Klingen darin noch nachzitterte. Dann richtete er sich auf, und enttäuscht sagte er nur ein einziges Wort: „Taub.“
- Grete wusste, was das hieß, denn der Vater hatte es ihr auf der Reise oft genug erklärt: Ein tauber Stein antwortete nicht, wenn man bei ihm anklopfte, und Silber steckte keines darin.
- Nachdenklich betrachtete Grete den Felsen, der genauso grau war wie alle anderen im Tal, und sagte ernst: „Wenn er taub ist, musst du eben lauter klopfen.“
- Da lachte der Vater, zum ersten Mal seit Zellerfeld, und für einen Augenblick sah er gar nicht mehr müde aus. Doch dann klopfte er wieder mit dem Schlägel gegen die Handfläche, blickte über das leere Tal und sagte, jetzt wieder ganz ernst: „Wenn wir hier nicht fündig werden, ziehen wir morgen weiter.“
- Grete verzog das Gesicht. „Fündig ist ein komisches Wort.“
- Stolz hob der Vater den Kopf: „Fündig ist ein Bergmannswort. Heißt, der Berg rückt sein Silber raus.“
- Weiterziehen aber hieß wieder schlafen im Wagen, auf Säcken, die wackelten, sobald sich jemand umdrehte, und hinten klapperte bei jedem Schlagloch das lose Brett, das der Vater seit Zellerfeld festnageln wollte.
- Leise, damit die anderen es nicht hörten, sagte Grete: „Ich will hierbleiben. In einem Haus, mit einem Bett, das nicht wackelt.“
- Der Vater sah sie lange an, dann legte er ihr die große, raue Hand auf den Kopf und brummte: „Nu. Wenn wir Silber finden, bau ich dir eins.“
- Das Nu kam aus dem Erzgebirge und hieß ja, und beim Vater hieß es meistens: ja, aber nicht heute. Grete kannte ihn gut und hakte vorsichtshalber nach. „Mit Brief und Siegel?“
- Der Vater tippte auf den Schlägel an seinem Gürtel und antwortete feierlich: „Mit Schlägel und Eisen. Und jetzt hol Wasser, aus dem Bach, nicht aus der Innerste.“
- Mit dem Eimer ging Grete am Ufer entlang bis zu jener Stelle, an der ein Bach aus dem Wald in die Innerste floss, und dort blieb sie so plötzlich stehen, dass ihr der leere Eimer gegen das Knie schlug. Im Schlamm war ein Fußabdruck, so groß, dass sie mit beiden Schuhen hintereinander hineinpasste. Sie maß ihn mit dem Unterarm nach, so, wie es die Großmutter ihr gezeigt hatte, und er war eine Elle lang und noch ein ganzes Stück dazu.
- Grete zählte fünf dicke Zehen, und in der Spur lagen ein Büschel Moos, das nach Regen roch, und eine rote Beere, rund und glänzend und ohne einen einzigen Spritzer Schlamm.
- Neugierig trat sie näher, doch der Schlamm hielt ihren Schuh fest und gab ihn erst mit einem lauten Schmatzen wieder her, und beinahe wäre Grete barfuß weitergegangen. Der Schlamm an der Innerste sah fest aus. Er war es nicht.
- Wer so große Füße hatte und dabei so leise ging, dachte Grete, der wollte nicht gefunden werden. Sie steckte die rote Beere tief in ihre Schürzentasche, füllte den Eimer und ging zurück zum Lager, wo der Vater gerade Holz für das Feuer hackte.
- So behutsam stellte sie den Eimer neben ihn, dass kein Tropfen überschwappte, und fragte, so beiläufig sie nur konnte: „Wenn jemand ganz große Füße hat und ganz leise geht, was ist das dann für einer?“
- Ohne vom Holz aufzusehen, brummte der Vater: „Einer, der große Schuhe braucht.“
- Grete wackelte mit den nassen Zehen in ihren Schuhen. „Und wenn er gar keine Schuhe hat?“
- Da sah der Vater endlich auf und sagte schmunzelnd: „Dann hat er kalte Füße, genau wie du. Ab ans Feuer mit dir.“
- Als es dunkel war, saß Grete am Feuer und hielt ihre Füße so nah an die Glut, dass die Strümpfe dampften, während die Bergleute um sie herum leise über das taube Tal schimpften. Da bellten weit oben im Tal Hunde, dann schmatzten Hufe im Schlamm, und bei jedem Schritt klirrte Metall.
- Zuerst sah Grete nur einen Busch roter Federn, der hoch über allen Köpfen im Feuerschein wippte. Darunter kam ein schwarzes Pferd aus der Dunkelheit, und oben saß ein Mann in einem blanken Brustpanzer, in dem sich das Feuer spiegelte. Zwei große graue Hunde liefen neben ihm, und hinter ihm führten zwei Knechte die Ochsen mit einem Karren, auf dem ein Käfig aus Eisen stand. Der Käfig war leer.
- Der Mann hob gebieterisch die Hand und rief so laut, dass die Ochsen die Köpfe hoben: „Ich bin der Vogt des Herzogs!“
- Grete wusste, was ein Vogt war, denn in Zellerfeld hatte der Vater mit so einem um jeden Baum gestritten: Ein Vogt bestimmte im Namen des Herzogs, wer in einem Tal bleiben durfte und wer weiterziehen musste. Alle Bergleute waren aufgestanden, nur der Vogt blieb im Sattel, und Grete merkte bald, warum. Von da oben sah er größer aus als alle anderen.
- Aus der Satteltasche zog er einen Brief mit rotem Siegel und las laut und feierlich vor, was der Herzog befahl: „Im Namen des Herzogs! Fangt den Wilden Mann und die Wilde Frau, bringt sie nach Braunschweig und tut ihnen nichts zuleide.“
- Da lachte einer der Bergleute laut auf, der alte Jobst, der schon in drei Tälern kein Silber gefunden hatte und seitdem über fast alles lachen konnte. Prustend rief er: „Einen wilden Mann? Hier wohnt doch keiner, nicht mal ein zahmer!“
- Der Vogt wartete, bis das Lachen verstummt war, nur sein Federbusch zitterte dabei ungeduldig. Dann sprach er leise und langsam, jedes Wort einzeln: „Die Jäger des Herzogs haben seine Spuren gesehen, eine Elle lang und immer frisch, wenn der Mond aufgegangen war. Und ich glaube Spuren mehr als alten Männern.“
- Grete zupfte den Vater am Ärmel und flüsterte: „Was will der Herzog denn mit einem Wilden Mann?“
- Ohne den Blick vom Vogt zu lassen, flüsterte der Vater zurück: „Angucken, schätze ich.“
- Über die Schulter befahl der Vogt seinen Knechten laut: „Stellt den Käfig ans Feuer, damit ihn alle sehen!“
- Dann klopfte er mit dem Brief gegen die Stangen des leeren Käfigs, dass es hell und kalt über das ganze Lager klang, und lächelte dabei. Grete ahnte, dass jenes Lächeln mehr dem Vogt gehörte als dem Herzog.
- Laut und stolz rief der Vogt: „Den Wilden Mann fange ich, und dafür baut mir der Herzog ein Denkmal aus Bronze, drei Mann hoch, mitten in Braunschweig, damit alle zu mir aufschauen!“
- Dann wurde er leise und sah dabei den Vater an: „Wer mir hilft, bekommt Holz für ein Haus. Wer nicht hilft, zieht morgen weiter.“
- Grete sah den mit den großen Füßen schon in Braunschweig im Käfig sitzen, wie er zwischen den Stangen immer nur dorthin schaute, wo der Harz lag. Ihr Vater aber sah zu Boden und nickte langsam. „Wir helfen.“
- Grete wusste, woran er dachte, denn sie dachte es ja selbst: an Holz für ein Haus und an ein Bett, das nicht wackelte.
- Da fiel der Blick des Vogts auf Gretes Schuhe, die schmutziger waren als alle anderen, und er beugte sich ein Stück aus dem Sattel. Leise und viel zu freundlich fragte er: „Und wo warst du heute, Kind?“
- Grete hielt seinem Blick stand. „Wasser holen.“
- „Wo?“, fragte der Vogt.
- Grete zuckte mit den Schultern. „Am Wasser.“
- Der alte Jobst lachte so sehr, dass er husten musste, nur der Vogt lachte nicht. Ganz leise sagte er: „Kluges Kind.“ Dann wendete er sein Pferd und befahl seinen Hunden knapp: „Sucht!“
- Im Schritt ritt der Vogt hinunter zum Bach, und die Hunde liefen mit den Nasen am Boden voraus.
- Grete rannte los, quer zwischen den Wagen hindurch, und kam vor den Hunden am Bach an, wo sie den Fußabdruck mit Tannenzweigen zudeckte, so schnell es im Dunkeln ging. In der Eile blieb ihr langer Schal an einem Zweig hängen, und das merkte sie erst, als neben ihr die Hunde schnupperten.
- Knurrend scharrten die beiden die Zweige beiseite, und einer von ihnen trug etwas Türkisfarbenes im Maul zu seinem Herrn, stolz und mit wedelndem Schwanz.
- Der Vogt beugte sich im Sattel hinunter und betrachtete lange den Abdruck, und so leise, dass Grete die Federn an seinem Helm rascheln hörte, sagte er: „Hier trinkt er also, der Wilde Mann.“
- Zufrieden maß er die Spur mit den Augen und sprach leise weiter, ohne jede Eile: „Eine Elle lang, genau wie gemeldet. Dann ist der Kerl zwei Mann hoch, und mein Denkmal wird einen Mann höher.“
- Langsam wickelte er den türkisfarbenen Schal um den Knauf seines Sattels, Windung für Windung, und sah dabei die ganze Zeit Grete an. Dann sagte er leise: „Morgen, wenn der Mond über dem Kamm steht, sitzt der Wilde Mann im Käfig. Und wer etwas versteckt, Kind, der weiß mehr.“
- Grete streckte die Hand aus und sagte, so fest sie konnte: „Das ist mein Schal. Den hat meine Großmutter gestrickt.“
- Herablassend und leise antwortete der Vogt: „Dann weißt du ja, wo du ihn abholen kannst. Beim Vogt des Herzogs.“
- Hinter Grete stand auf einmal der Vater, und er sagte nichts als ihren Namen: „Grete.“ Es klang, als hätte sie etwas zerbrochen.
- In der Nacht lag Grete hellwach auf ihren Säcken, und die wackelten wie noch nie, obwohl sich außer ihr niemand umdrehte. Gut versteckt, Grete, dachte sie, nur leider mit dem Schal direkt daneben. Mit dem Vater konnte sie nicht mehr reden, der hatte beim Essen kein Wort gesagt und nicht einmal geklopft, und so beschloss sie, den Wilden Mann selbst zu warnen, noch vor dem Frühstück. Oben im Wald knarrte es einmal, langsam und schwer, und dann war es wieder still.
- Zur selben Zeit saß der Vogt allein im Sattel am dunklen Bach, und während sein Pferd schnaubend aus der Innerste trank, hielt er seinen Hunden den türkisfarbenen Schal unter die Nasen, bis sie jeden Faden kannten. Beinahe zärtlich flüsterte er: „Merkt euch den Geruch, meine Guten. Morgen führt uns das Kind zum Wilden Mann.“
- Zweites Kapitel: Das achte Geräusch.
- An jenem Morgen lag Tau auf den Wagenplanen, und die Sonne steckte noch hinter dem Kamm. Ohne den Schal war Gretes Hals so kalt, dass sie die Schultern bis an die Ohren zog, während die Bergleute mit ihren Seilen und Schlingen im Wald verschwanden.
- Bevor der Vater ging, klopfte er zweimal mit dem Schlägel gegen die Handfläche, und Grete ahnte schon, dass ihr nicht gefallen würde, was nun kam. Müde sagte er: „Heute suchen wir den Wilden Mann, Grete. Der Vogt will es so.“
- Grete verschränkte die Arme. „Und was willst du?“
- Der Vater sah hinauf zu den Tannen, zwischen denen die anderen schon verschwunden waren, und schwieg eine Weile. „Ein Haus.“
- Grete ließ nicht locker. „Und wenn der Wilde Mann keinem etwas tut?“
- Der Vater zog die Schultern hoch. „Dann tut ihm der Herzog auch nichts. Steht so im Brief.“
- Grete sah hinüber zum leeren Käfig, auf dessen Stangen der Tau glitzerte. „Und der Käfig? Steht der auch im Brief?“
- Darauf antwortete der Vater nicht. Er ging einfach, und das war schlimmer als jede Antwort.
- Nur der Vogt blieb mit seinen Knechten im Lager zurück, saß auf seinem schwarzen Pferd neben dem Käfig und wartete, und seine Hunde gähnten im nassen Gras, als wäre Grete das Langweiligste im ganzen Tal. Gut so, dachte Grete, nahm den leeren Eimer, damit es nach Wasserholen aussah, und ging langsam am Bach entlang hinauf in den Wald.
- Unter den Tannen war es dämmrig und still, und während neben Grete der Bach zwischen bemoosten Steinen gluckerte, roch es nach nassem Holz und nach Pilzen, die über Nacht aus dem Boden gekommen waren. Zwischen den Stämmen bewegten sich auf einmal zwei Kappen aus Moos, so hoch über dem Farn, dass darunter kein gewöhnlicher Mensch stecken konnte.
- Grete ließ den Eimer fallen und rannte los, doch als sie ankam, wippten nur noch die Zweige. Außer Atem rief sie in den Wald hinein: „Hallo? Ich tu euch nichts!“
- Niemand antwortete, nur der Bach gluckerte weiter. Wer rennt, dachte Grete, poltert wie ein Ochsenkarren, und wer ruft, poltert noch lauter. Also ging sie ganz langsam weiter, einen Schritt und einen Atemzug, und hörte zu.
- Macht es wie Grete: ein Schritt, ein Atemzug, ganz langsam auf der Stelle. Wer schon liegt, wackelt nur mit den Zehen. Und zählt an den Fingern, was ihr hört.
- Ganz leise zählte Grete mit: „Eins, der Bach. Zwei, ein Specht. Drei, eine Hummel.“
- Dann kamen ein fallender Tropfen, ein knackender Ast, ein Vogel, den sie nicht kannte, und ihr eigener Magen, der knurrend das Frühstück vermisste, und das waren schon sieben. Das achte Geräusch war ein Atmen, tief und langsam, direkt hinter ihr, und es roch nach Moos.
- Ganz langsam drehte Grete sich um.
- Vor ihr stand ein Riese aus weichem, dichtem Moos, gut anderthalb Mann hoch, nicht ganz so riesig, wie der Vogt ausgerechnet hatte, und stützte sich auf eine junge Tanne. Er beugte sich zu ihr herunter, bis Grete sein Gesicht sah: helle Birkenrinde, mittendrin eine rosige Knollennase unter buschigen Brauen aus Moos, und vom Kinn hingen lange, hellgrüne Flechten bis auf den Bauch.
- Der Riese kratzte sich im Moos hinter dem Ohr, und ein Käfer krabbelte eilig davon.
- Grete schluckte, dann holte sie die rote Beere aus der Schürzentasche, hielt sie ihm auf der flachen Hand hin und fragte leise: „Ist das deine?“
- Auf seiner Mooskappe trug der Riese einen Kranz aus Blättern und roten Beeren, und in diesem Kranz fehlte genau eine. Vorsichtig nahm er die Beere mit zwei riesigen Fingern und steckte sie zurück an ihren Platz.
- Grete lächelte. „Die lag unten am Bach. In deiner Spur.“
- Der Riese kratzte sich wieder hinter dem Ohr, und da fragte Grete langsam und deutlich: „Verstehst du mich?“
- Er kratzte sich ein drittes Mal, so gründlich, dass ein Büschel Moos herabsegelte, und Grete musste an den Vater denken, der sich genauso kratzte, wenn er einen Brief lesen sollte. Grete seufzte. „Also nein.“
- Dann zuckte sie mit den Schultern und zeigte auf seine junge Tanne. „Macht nichts. Ich sag Tanno zu dir, wegen der Tanne.“
- Lange betrachtete Tanno die junge Tanne in seiner Hand, und seine Knollennase wurde dabei noch ein bisschen rosiger.
- Neben ihm bewegte sich der Farn, und eine Frau trat hervor, mit Haar aus Farnwedeln, das ihr bis an die Knie reichte. Auch sie trug eine Mooskappe, dazu einen Gürtel aus Laub. Sie hob die Nase in den Wind, schnupperte, dann schnupperte sie an Gretes Haaren und rümpfte die Nase.
- Verlegen zupfte Grete an einer Haarsträhne. „Das ist Rauch. Vom Lagerfeuer. Gewaschen hab ich mich zuletzt in Zellerfeld.“
- Die Frau schüttelte so energisch den Kopf, dass ihre Farnwedel wippten, und drückte Grete einen kleinen Becher aus Rinde in die Hände, bis zum Rand voller Heidelbeeren. Die Beeren schmeckten nach Sonne und Wald, und nach der dritten Handvoll war Gretes Zunge blau bis ganz nach hinten. Als sie der Frau zum Dank die blaue Zunge zeigte, streckte die Frau ihre eigene heraus, und die war moosgrün.
- Kichernd sagte Grete: „Deine ist ja grün! Danke. Und du bist Farna.“
- Dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie gekommen war, und auf einmal war ihr Mund ganz trocken, trotz der Heidelbeeren. Eindringlich flüsterte sie: „Unten im Tal ist ein Vogt, mit einem Käfig und zwei Hunden. Morgen, wenn der Mond über dem Kamm steht, will er euch fangen.“
- Tanno kratzte sich hinter dem Ohr, und Farna sah sie nur freundlich an, während ihr ein Heidelbeerblatt aus dem Haar fiel. Kein Wort hatten die beiden verstanden, das sah Grete genau, kein einziges.
- Also versuchte sie es anders. Mit den Fingern machte sie die Stangen eines Käfigs, dann zeigte sie hinunter ins Tal und bellte, so gut ein Mädchen von zehn Jahren eben bellen konnte. Tanno sah ihr aufmerksam zu, und dann bellte er zurück, leise und sehr zufrieden, und Grete musste lachen, obwohl ihr gar nicht nach Lachen zumute war. Worte verstanden die beiden nicht, dachte sie, aber Geräusche, die verstanden sie.
- Da schimpfte hoch über ihnen ein Eichhörnchen, schnell und laut und so aufgeregt, dass kleine Rindenstücke von seinem Ast fielen. Farna hob die Nase in den Wind, und zwischen zwei Atemzügen waren die beiden verschwunden, so leise, dass sich nicht einmal der Farn bewegte.
- Einen Herzschlag später brachen die Hunde bellend aus dem Gebüsch, die Nasen dicht am Boden, genau auf Gretes Spur. Sie schnupperten kurz an Gretes Schuhen, wedelten und liefen weiter, der Nase nach. Hinter ihnen ritt der Vogt heran, seine beiden Knechte zu Fuß hinterdrein, und rief: „Schlingen!“
- Die Knechte warfen ihre Schlingen an jene Stelle, an der eben noch der Riese gestanden hatte, doch sie fingen nichts als Farn. Nur der Federbusch des Vogts verfing sich in einer Tanne, und als er sich losriss, segelten zwei rote Federn zu Boden.
- Einer der Knechte hielt eine leere Schlinge hoch, in der ein Farnwedel baumelte, und meldete kleinlaut: „Nur Farn, Herr Vogt.“
- Ungehalten rückte der Vogt seinen zerzausten Helm zurecht: „Das sehe ich selbst.“
- Dann blickte er hinauf zu dem Ast, auf dem das Eichhörnchen noch immer zeterte, und sagte auf einmal ganz leise: „Ein Eichhörnchen hat den Wilden Mann gewarnt.“
- Eine Weile schwieg der Vogt, dann lächelte er wieder jenes Lächeln vom Vorabend und sprach leise weiter: „Aber nachts schlafen die Eichhörnchen.“
- Zuletzt nickte er Grete zu, beinahe dankbar, und sagte leise: „Danke fürs Führen, Kind.“ Es klang freundlich, und genau das tat weh.
- Mit heißen Wangen rief Grete: „Ich hab dich gar nicht geführt!“
- Gemächlich klopfte der Vogt auf den Knauf seines Sattels, um den noch immer ihr türkisfarbener Schal gewickelt war, und sagte leise: „Nein, Kind. Das war dein Schal.“
- Da verstand Grete, und ihr wurde kalt, obwohl ihre Zunge noch nach Heidelbeeren schmeckte. Die Hunde kannten ihren Geruch, und wohin sie auch ging, sie würde den Vogt geradewegs zu Tanno führen. Also durfte sie Tanno nicht mehr suchen, und also musste sie den Vater umstimmen, heute noch.
- Am Nachmittag kamen die Bergleute müde und mit leeren Schlingen aus dem Wald zurück. Grete stellte sich vor ihren Vater, zählte in Gedanken bis fünf und sagte ganz ruhig: „Der Wilde Mann tut keinem etwas. Und die Wilde Frau hat mir Heidelbeeren gegeben.“
- Zum Beweis streckte sie ihm die Zunge heraus, blau bis ganz nach hinten.
- Die Bergleute lachten, bis ihnen die Tränen kamen, und der alte Jobst rief prustend: „Eine wilde Frau, die Heidelbeeren verteilt! Die soll mal bei uns kochen!“
- Nur der Vater lachte nicht. Er klopfte mit dem Schlägel gegen die Handfläche, dreimal hintereinander, so oft wie noch nie, und sagte müde: „Der Wilde Mann oder wir, Grete. Er oder unser Haus.“
- Grete schluckte und sagte leise: „Wenn der Wilde Mann im Käfig sitzt, guckt er den ganzen Tag nur dorthin, wo der Harz ist.“
- Der Vater runzelte die Stirn. „Woher willst du das wissen?“
- Ganz ruhig antwortete Grete: „Weil ich es auch so machen würde.“
- Darauf sagte der Vater nichts, und Grete sah, dass er nach Worten suchte, beinahe so gründlich, wie Tanno hinter seinem Ohr gesucht hatte.
- Hinter Grete raschelten Federn. Der Vogt war herangeritten, ohne dass sie ihn gehört hatte, und mit jener Freundlichkeit, die Grete inzwischen mehr fürchtete als jedes Brüllen, sagte er leise: „Im Namen des Herzogs, das Kind bleibt heute Nacht im Wagen.“
- Ein Knecht band die Plane von außen zu, Knoten für Knoten, und der Vater sah weg.
- Durch einen Spalt in der Plane sah Grete, wie es hinter dem Kamm langsam heller wurde, und sie wusste, dass der Mond bald kommen würde. Draußen raschelten Federn, das Leder des Sattels knarrte, weil der Vogt nicht still sitzen konnte, und er flüsterte seinen Hunden zu: „Wenn der Mond über dem Kamm steht, kommt der Wilde Mann trinken. Und diesmal warnt ihn keiner.“
- Drittes Kapitel: Wenn der Mond aufgeht.
- In jener Nacht war es im Wagen stockdunkel, die Plane roch nach Regen, und Grete saß zusammengekauert auf ihren Säcken und rieb sich die kalten Hände, während hinter dem Kamm das Licht wuchs.
- Da knirschten draußen Schritte, und jemand setzte sich so schwer auf die Deichsel, dass der ganze Wagen ächzte. Dann seufzte jemand, tief und lang, und Grete kannte dieses Seufzen genauso gut wie das leise Klopfen, das danach kam, Schlägel gegen Handfläche.
- Leise sagte der Vater durch die Plane: „Morgen früh gibt uns der Vogt das Holz, Grete. Für ein Haus. Und für ein Bett.“
- Grete drückte die Hand gegen die Plane, dorthin, wo sie seine Schulter vermutete. „Ein Bett, das nicht wackelt?“
- Mit rauer Stimme antwortete der Vater: „Kein bisschen.“
- Da fragte Grete, und ihre Stimme wurde ganz klein: „Und Tanno?“
- Draußen rührte sich eine Weile nichts. Dann räusperte sich der Vater. „Wer ist Tanno?“
- Grete flüsterte: „Der Wilde Mann. Ich hab ihm einen Namen gegeben.“
- Lange klopfte der Schlägel draußen gegen die Handfläche, dann sagte der Vater müde: „Dann vergiss den Namen wieder, Grete. Das macht es leichter.“
- Ganz leise fragte Grete: „Für wen?“
- Eine Antwort kam nicht. Der Vater stand auf und ging, und Grete hörte, dass er zweimal stehen blieb, bevor seine Schritte im Lager verklangen.
- Am Bach hingen jetzt die Schlingen, das wusste Grete, zwischen Pfählen aus jungen Tannen, von den Knechten am Nachmittag gefällt, und daneben wartete der leere Käfig. Grete sah Tanno und Farna schon darin sitzen, in Braunschweig, wie sie zwischen den Eisenstangen immer nur dorthin schauten, wo der Harz lag. Warnte sie die beiden, musste ihre Familie weiterziehen, und es gab kein Haus und kein Bett. Schwieg sie, saßen die beiden morgen hinter Eisenstangen.
- Draußen war es still, die Eichhörnchen schliefen längst, und irgendwo im Dunkeln raschelten Federn.
- Grete zählte bis zehn, ganz langsam, und flüsterte dann in die Dunkelheit: „Ein Bett, das nicht wackelt, gibt es auch im nächsten Tal. Einen Tanno gibt es nur hier.“
- Ihre Stimme hatte kein bisschen gezittert, und das wunderte sie selbst. Nachts schliefen die Eichhörnchen, da hatte der Vogt schon recht. Aber Grete schlief nicht.
- Das lose Brett hinten im Wagen gab beim ersten Drücken nach. Wie gut, dachte Grete, dass der Vater seit Zellerfeld keine Zeit für einen Nagel gehabt hatte, und sie schlüpfte hinaus in die Kälte.
- Sie ging ganz langsam, einen Schritt und einen Atemzug, oben am Hang entlang bis zu einer großen Wurzel, weit weg vom Ufer und vom Schlamm, und duckte sich dahinter. Der Wind kam vom Wasser herauf und blies ihr ins Gesicht, und darüber war Grete froh, denn ein Wind, der vom Wasser kam, brachte den Hunden nur den Geruch von Wasser.
- Dann stieg der Mond über den Kamm, und die Innerste glänzte in seinem Licht. Hinter einem Felsen am Bach wippte der rote Federbusch des Vogts ungeduldig auf und ab, und ein Stück daneben lauerten die Knechte mit ihren Seilen.
- Da knarrte es zwischen den Tannen, und es roch nach Moos. Tanno trat aus dem Wald, Farna dicht hinter ihm. Farna hob die Nase in den Wind und blieb stehen, doch Tanno ging ohne Eile weiter auf das Wasser zu, geradewegs auf die Schlingen. Steif vor Angst zählte Grete seine Schritte und flüsterte: „Noch sechs. Noch fünf.“
- Jetzt braucht Grete euch. Schimpft zusammen mit Grete wie ein Eichhörnchen, so schnell und so laut ihr könnt! Wer schon im Bett liegt, schimpft ganz leise.
- Da schimpfte Grete wie ein Eichhörnchen, schnell und laut, und Tanno blieb stehen, einen Fuß in der Luft, kurz vor der ersten Schlinge.
- Hinter dem Felsen fuhr der Federbusch in die Höhe. Die Knechte warteten noch, wie es ihnen befohlen war, doch der Vogt wartete nicht, und zum ersten Mal, seit Grete ihn kannte, sprang er aus dem Sattel.
- Noch im Sprung brüllte der Vogt: „Den Wilden Mann fange ich selbst!“
- Er rannte an seinen eigenen Schlingen vorbei, mitten über den glatten Schlamm am Ufer. Der Schlamm sah fest aus. Er war es nicht.
- Der Vogt griff nach Tanno und bekam nur ein Büschel Moos zu fassen, dann schmatzte der Schlamm unter seinen Reitstiefeln und zog ihn hinunter, bis zu den Knien, bis zum Gürtel, bis an seinen blanken Brustpanzer. Weiter hinunter ging es nicht. Heraus aber auch nicht.
- Die beiden Hunde rannten bellend hinter ihrem Herrn her, doch am Rand des Schlamms stemmten sie die Pfoten in den Boden, setzten sich hin und winselten. Kluge Hunde, dachte Grete.
- Mit hochrotem Kopf zappelte der Vogt und schrie: „Knechte! Die Schlingen! Fangt ihn doch!“
- Die Knechte aber ließen ihre Seile fallen und starrten auf ihren Herrn. Tanno sah den Vogt unter seinen buschigen Brauen an, lange und streng, bis sich der Vogt noch ein Stück kleiner machte, was bis zum Panzer im Schlamm gar nicht so einfach war.
- Aus den Büschen kamen die Bergleute gelaufen, der Vater vorneweg, und sie blieben mit einem Ruck stehen, sodass der alte Jobst gegen die anderen prallte. Erschrocken rief der Vater: „Grete! Was machst du denn hier?“
- Er sah Grete an, dann Tanno, dann wieder Grete, und seine Stirn legte sich in so viele Falten wie sonst nur, wenn er einen Brief lesen sollte.
- Aus dem Schlamm kreischte der Vogt: „Im Namen des Herzogs! Bergleute, fangt ihn!“
- Der Vater klopfte mit dem Schlägel gegen die Handfläche, ein einziges Mal. Dann warf er sein Seil ins Gras, und ganz ruhig und fest sagte er: „Heute fängt hier keiner mehr einen.“
- Einer nach dem anderen legten die Bergleute ihre Seile daneben, während der Vogt vor Wut zappelte. Der Vater nahm Grete an die Hand und ließ sie lange nicht los, und daran merkte sie, wie viel Angst er um sie gehabt hatte.
- Tanno kniete sich vor Grete hin und kratzte sich hinter dem Ohr, lange und gründlich, und es sah aus, als suchte er dort nach Menschenwörtern. Dann sprach er zum ersten Mal, ganz langsam, und seine Stimme klang, als spräche ein alter Baum: „Wer langsam geht, sieht mehr Wald.“
- Dann stand Tanno auf und ging zu jenem grauen Felsen, an dem der Vater bei ihrer Ankunft geklopft hatte. Oben, wo das Hochwasser nicht hingekommen war, wuchs Moos auf dem Stein, und Tanno zog es mit beiden Händen herunter, Stück für Stück, wie eine Decke von einem Bett. Darunter kam ein grauer Streifen zum Vorschein, genau so einer, wie ihn der Vater am ersten Tag gesucht hatte, nur ein kleines Stück über der Stelle, an der er geklopft hatte.
- Kaum hörbar flüsterte der Vater: „Ein Gang.“
- Mit zitternden Händen setzte der Vater das Eisen an, holte mit dem Schlägel weit aus und schlug zu, so laut, dass es von beiden Hängen widerhallte. Ein Stück Stein brach heraus, und im Mondlicht glitzerte es silbern, in lauter kleinen, glatten Würfeln.
- Andächtig drehte der Vater den Stein in der Hand und sagte: „Bleiglanz. Und in Bleiglanz steckt Silber.“
- Der alte Jobst warf seine Mütze in die Luft und rief: „Fündig! Nach drei Tälern endlich fündig!“
- Grete strahlte. „Also nicht taub?“
- Der Vater strich mit dem Daumen über den Stein. „Nicht taub.“
- Grete grinste. „Du musstest eben lauter klopfen.“
- Da lachte der Vater zum zweiten Mal seit Zellerfeld, und diesmal so laut, dass sogar der Vogt im Schlamm einen Augenblick lang aufhörte zu zappeln.
- Dann holte Grete ihren Schal vom Sattel des Vogts, dessen Pferd hinter seinem Felsen am Bach in aller Ruhe graste. Tanno beugte sich zu ihr herunter, so tief, dass seine Flechten ihr die Nase kitzelten, und Grete legte ihm den Schal um den Hals. Er passte genau.
- Zufrieden sagte Grete: „Meine Großmutter hat gesagt, da wächst man rein.“
- Tanno lachte, tief und laut, und Grete hörte ihn zum ersten Mal lachen. Dann ging er mit Farna in den tiefen Wald, langsam wie immer. Am Waldrand drehte sich Farna noch einmal um und hob die Nase in den Wind, und Grete wusste, dass sie sich ihren Geruch merkte, Rauch und Heidelbeeren und alles.
- Da bat der Vogt aus dem Schlamm, mit ganz kleiner Stimme: „Im Namen des Herzogs, zieht mich heraus!“
- Der alte Jobst hob seine Mütze aus dem Gras. „Müssen wir?“
- Der Vater seufzte. „Wir müssen.“
- Der alte Jobst rieb sich die Hände und brummte: „Aber langsam.“
- Sechs Bergleute zogen, bis es laut schmatzte, und im Schlamm blieb ein Loch, so groß wie ein halber Vogt. Noch in derselben Nacht ritt der Vogt davon, mit leerem Käfig und ohne ein einziges Wort, und seine Hunde trotteten mit hängenden Ohren hinterher.
- Am nächsten Tag fanden die Bergleute in jenem grauen Gang so viel Silber, dass alle bleiben durften, und als Erstes baute der Vater ein Bett. Grete sprang darauf, so hoch sie konnte.
- Der Vater klopfte gegen den Bettpfosten. „Wackelt es?“
- Grete ließ sich rückwärts in die Decke fallen und rief: „Kein bisschen!“
- Der Vater zog die Augenbrauen hoch. „Und wenn es doch einmal wackelt?“
- Grete lachte: „Dann klopf ich eben lauter.“
- So erzählt es die Sage: Die Bergleute pflanzten eine Linde, und ihr Ort bekam nach dem Wilden Mann seinen Namen, Wildemann. Sein Bild kam in das Siegel der Stadt und auf die Taler des Herzogs, und so kam er doch noch nach Braunschweig, nur ohne Käfig.
- Wildemann gibt es wirklich, und heute gehört es zu Clausthal-Zellerfeld. Vor dem alten Rathaus stehen eine alte Linde und der Wilde Mann aus Bronze. In den Berg geht es nur mit einer Führung, im Besucherbergwerk Neunzehn-Lachter-Stollen etwa fünfhundert Meter weit hinein.
- Im Wald bleibt ihr auf den Wegen und weg vom Schlamm am Ufer. Der hält sogar einen Vogt fest.
- Ein Denkmal hat der Vogt nie bekommen. Der Wilde Mann schon.
Wo ihr das heute seht
Die kleine Bergstadt Wildemann liegt tief eingeschnitten im Tal der Innerste und gehört heute zu Clausthal-Zellerfeld. Vor dem alten Rathaus erinnern eine Linde und eine Bronzefigur an den Wilden Mann. Im Besucherbergwerk 19-Lachter-Stollen geht es mit einer Führung rund 500 Meter in den Berg.
Auf der Harzkarte zeigen etwa 19 km von Bad Harzburg